IMG_8042

Boquete – Am Fuße des Vulkans

Zu Füßen des Vulkans Barú liegt das kleine, energiegeladene Bergdorf Boquete. In der kühlen Luft des Hochlands hat sich hier eine bunte Mischung angesammelt. Rucksacktouristen, Sprachschüler und Aussteiger mischen sich mit den eigentlichen Bewohnern Boquetes. Aus den umliegenden Bergen kommen die Ngobe, die indigene Bevölkerung, die heute überwiegend auf den Kaffeeplantagen lebt und arbeitet. Und dann gibt es da noch die Gruppe der amerikanischen Pensionäre, die in Boquete scheinbar einen idealen Ort für ihren Altersruhesitz entdeckt haben.

Der Taxifahrer kurbelt das Fenster herunter und herrlich kühle Luft strömt herein.  Nach der drückenden Hitze der letzten Woche strecke ich begeistert das Gesicht in den Fahrtwind und atme tief durch.

IMG_7948

Gerade eben hat uns ein Bus am Terminal von David abgeliefert. Müde und platt nach der langen Fahrt ist der Schritt aus dem Bus immer ein bisschen Überwindung. Kaum steht man draußen, stürzen von allen Seiten Leute auf einen ein und fangen an, mit wildem Geschrei ihre Waren oder Dienstleistungen anzupreisen. Vorm Gepäckfach herrscht ein heilloses Gedränge. Und während der Busfahrer jede Tasche einzeln auspackt und die dazugehörige Nummer in das Gewusel brüllt, drängen und schieben alle Fahrgäste immer weiter nach vorne. Die Kinder werden in der Enge fast plattgedrückt. Und wer als Gringo nicht rechtzeitig nach seiner Tasche greift, sieht sie schnell mit einem findigen Taxifahrer verschwinden der sie schon mal vorsorglich auf der Ladefläche seines Pickups verstaut. Wer dann gar nicht mit dem Taxi fahren möchte, kann sich auf eine lange und anstrengende Diskussion einstellen oder sich geschlagen geben und einen halsabschneiderischen Preis zahlen.

IMG_4255

Inzwischen kennen wir das Spiel und ergattern unsere Rucksäcke zuerst. Kurz darauf stehen wir zwischen Essensständen, Käfigtürmen, in denen kleine, gelbe Küken auf ihren Verkauf warten, und bereitstehenden Bussen, deren laufende Motoren dichte, blaue Abgaswolken ausspucken und beraten wie es weiter geht.

IMG_4253

Von hier nach Boquete sind es noch einmal 1 ½ Stunden Fahrt in einem ausrangierten amerikanischen Schulbus, der hier als öffentlicher Nahverkehr eingesetzt wird oder 30 Minuten im Taxi. Die Kinder sind müde und hungrig. Uns allen ist zu heiss und wir haben keine Lust mehr. Seit gut 7 Stunden sind wir mit wechselnden Verkehrsmitteln unterwegs, einmal quer durchs Land immer entlang der Panamericana.  Jetzt wollen wir nur noch ankommen. Als uns ein Taxifahrer einen wenigstens nur halb-betrügerischen Gringo-Preis anbietet greifen wir zu.  Und kurz darauf hat das Taxi die drückende Hitze und das Chaos der Stadt hinter sich gelassen und ist auf dem Weg ins Hochland.

Während der Pickup auf dem breiten Highway den Weg in das etwa 1.000 Meter hoch gelegene Boquete erklimmt, ändert sich die Vegetation zu beiden Seiten der Strasse merklich. Dicht an dicht stehen die Büsche, Palmen und Bäume und überall sprenkeln große Blüten als Farbtupfer das intensive Grün. Der Ort Boquete selbst ist klein und kurz darauf sind wir auch schon an unserem Hotel, dem Isla Verde, angekommen. Die Begrüßung fällt herzlich aus – und auf Deutsch.

IMG_8022

Das Isla Verde gehört Eva Kipp, einer Deutschen, die vor 17 Jahren mit ihrer Familie in Boquete ankam, sich in den Ort verliebte und beschloss zu bleiben. „1996 kamen wir mit unserem Boot RAPUNGITA in Panama an. Unser Plan war, einmal die Welt zu umsegeln. In Panama angekommen, haben wir uns sofort in Land und Leute verliebt und die Weltumselglung beendet“, erzählt Eva. Zwei Ozeane, der Atlantik und der Pazifik, viel Grün, liebenswerte, freundliche Menschen und viele Möglichkeiten – nicht nur den Anker des Segelbootes zu werfen. Das waren die Gründe für die Familie, in Panama zu bleiben. Auch der Besuch in Boquete sollte eigentlich nur ein kurzer Entdeckungs-Ausflug werden. Aber bei einem Spaziergang entdeckten Eva und ihre Familie genau das Grundstück, auf dem sie sich vorstellen konnten zu leben. Bereits nach kurzer Zeit gingen die damals 11 und 12jährigen Söhne in die spanische Schule in David und Eva und ihr Mann begannen mit dem Bau der Rundhäuser, die so typisch für das Isla Verde sind.

IMG_8020

Heute gruppieren sich sechs freistehende, runde Bungalows und ein Hauptgebäude mit mehreren Suiten in der tropischen Gartenanlage. Als wir die Tür zu unserem Bungalow aufschließen, juchzen die Kids begeistert auf. Vor uns befindet sich eine Stiege, die auf eine unterhalb der Decke eingezogene Gallerie mit zwei Betten führt. Ganz klar, dass der Nachwuchs das unten im Raum stehende Doppelbett links liegen lässt und sofort den Hochsitz okkupiert. Damit wäre die Bettenverteilung schon mal geklärt.

hotels-in-boquete1

Am nächsten Morgen dann steht die Entscheidung an wie wir unseren Tag in Boquete nutzen wollen. Boquete bietet ganz viele Outdoor-Aktivitäten. Man kann zu Fuß den 3.475 Meter hohen Vulkan ersteigen, in Wasserfällen und heißen Quellen baden und viele Trecking-Trails führen durch den dichten Regenwald und bieten sich vor allem für Naturliebhaber an. Daneben ist die Hauptattraktion Boquetes der Kaffeeanbau. Überall auf den Berghängen rund um den kleinen Ort liegen die Kaffeefarmen, von denen einige der besten Kaffeesorten weltweit kommen.

Da Hiking mit dem gerade 5 Jahre alt gewordenen ausfällt, entscheiden wir uns für die vom Hotel empfohlene Kaffeetour. Meine Begeisterung hält sich zunächst in Grenzen. Nach dem wenig spannenden Erlebnis auf der Teeplantage in Sri Lanka erwarte ich mehr oder weniger das Gleiche in der Kaffee-Version. Ich habe mich geirrt.

IMG_7947

Um 9 Uhr holt Rich uns mit seinem großen Allrad-Fahrzeug ab. An Bord ist schon ein junges Pärchen aus Kanada. Wir sind also nur zu viert plus die beiden Kids. Der SUV schraubt sich die Berghänge hoch, vorbei an Gewächshäusern und Gemüsefarmen, bis wir die Finca dos Chefes, Richs Plantage, erreicht haben. Zur Begrüßung lassen wir uns erstmal auf der Veranda nieder von der aus man einen einen atembereaubenden Ausblick über die überbordende Vegetation und auf die gegenüberliegenden Berghänge hat. Ich stelle mich innerlich darauf ein, gleich einen langweiligen Vortrag über alle Stadien der Kaffeepflanze zu hören und beschließe, derweil die Aussicht zu genießen, als Rich plötzlich fragt was wir beruflich machen und ob einer von uns für Starbucks oder Monsanto arbeitet. Komische Frage – jetzt werde ich neugierig.

IMG_7949

Und dann legt Rich los und gibt uns einen hochinteressanten Einblick in die harte Marktwirtschaft dieser weltweit extrem wichtigen Handelsware. So billig wie möglich einkaufen, so teuer wir möglich verkaufen, und das zu Lasten der Kaffeebauern – natürlich wissen wir davon, aber eben nur grob. Rich schlüsselt das Model an Beispielen des amerikanischen Marktes auf. Aber diese lassen sich auch ganz einfach auf Deutschland übersetzen. 2009 veröffentlichte die Stiftung Warentest dazu ein paar sehr aufschlussreiche Zahlen:  Zwei Drittel der 10 Euro, die ein deutscher Kunde für das Kilogramm Kaffee bezahlt, gehen an verschiedene Zwischenhändler, den Transportuer und den Röster. (Kaffee wird immer als Rohware verkauft und erst im Zielland geröstet.) Der deutsche Staat erhält weitere drei Zehntel des Ladenpreises als Steuern. Dem Kaffeebauern bleiben so gerade einmal sechs Prozent. Auf Richs Plantage übersetzt bedeutet das 75 Cent pro Pfund Kaffee. Davon muss er acht Arbeiter und ihre Familien bezahlen, in Dünger und neue Pflanzen investieren und verschiedenste Schädlinge, wie den Pilz, der alleine 2013 zu Verlusten von einer Milliarde Dollar in Centralamerika führte, bekämpfen. Eine fast unmögliche Rechnung.

IMG_7952

IMG_7970

All das wusste auch Rich nicht, als er sich vor einigen Jahren in die brachliegende Kaffeeplantage verliebte und beschloss, sie zu neuem Leben zu erwecken. Schnell musste der Manager eines amerikanischen Meals-on-Wheels-Unternehmens feststellen, dass sich so nicht sinnvoll wirtschaften ließ. Er packte seine Sachen und zog ganz nach Boquete, um sich vollständig der Farm zu widmen. Dabei lag ihm vor allem eine Steigerung der Lebensqualität seiner Arbeiter am Herzen, die auf vielen der Kaffeefarmen unter lebensunwürdigen Umständen hausen und arbeiten. Heute verkauft Rich seinen Kaffee kaum mehr ins Ausland, sondern röstet ihn selber und beliefert damit Restaurants und Hotels in Panama. Auf diese Weise erhält er 3 Dollar pro Pfund, anstatt der üblichen 75 Cent. Auch damit lassen sich keine großen Sprünge machen, ein Grund, warum Rich zusätzlich seine Luna Coffee Tours anbietet, aber er konnte die Lebensumstände seiner Arbeiter gravierend verbessern. Statt in runtergekommenen Baracken, die er zu Ansichtszwecken noch auf dem Gelände stehen gelassen hat, leben seine Arbeiter heute in gepflegten Häuschen und haben ein überdurchschnittliches Einkommen.

IMG_7978

Wer die deprimierenden Bilder des alltäglichen Lebens der normalen Plantagenarbeiter rund um Boquete sieht, die Fotos unten zeigen die normale Unterkunft einer Großfamilie die sich üblicherweise in einem kleinen Raum einer Sammelbaracke drängt, sollte beim nächsten Besuch einer der großen Kaffeeketten doch einmal darüber nachdenken, ob es wirklich einen Grund gibt knapp 4 Euro in einen Becher geschäumter Milch mit einem Tropfen Kaffee zu investieren – oder ob er das Geld nicht doch lieber in die Produkte einer kleinen, lokalen Rösterei investiert, die beim Einkauf der Bohnen besonderes Augenmerk auf einen ethischen und fairen Handel legt.

IMG_7985

IMG_7986

Natürlich sehen wir uns auch noch auf der Plantage um und die Kids haben viel Spaß an Richs ausführlichen Erklärungen. Anschließend darf der Ehemann mit der Röstmaschine spielen, woran er mindestens so viel Spaß hat wie die Kinder. Und wir trinken einen der besten Kaffees meines Lebens, nur wenige Minuten zuvor frisch geröstet und gemahlen.

IMG_7959

IMG_7997

IMG_8015

Den Rest des Tages lassen wir uns einfach durch Boquete treiben. Das Städtchen ist lebhaft und bunt. Dank der vielen Auswanderer aus den USA und Europa gibt es eine größere Restaurantszene und wir genießen bei Big Daddy`s das wohl beste Essen seit langem. Überhaupt gibt es hier endlich viele kulinarische Alternativen zum fettigen und chronisch frittierten Fisch mit Reis der letzten Tage. Den Abend verbringen wir auf der, von sattem Grün umgebenen, Terrasse des hoteleigenen Restaurants Mango. Vor uns rauscht leise ein kleiner Bach und der Küchenchef Craig Miller serviert eine raffinierte Fusion-Küche aus lokalen Gerichten, gemixt mit internationalen Einflüssen.

IMG_8032

IMG_8048

 

IMG_8043

IMG_8050

IMG_8034

Am nächsten Morgen geht es dann früh weiter denn wir haben noch eine längere Strecke vor uns. Von Boquete aus müssen wir zuerst zurück nach David, um von dort den Bus nach Bocas del Toro an der Karibikküste zu erreichen. Vor uns steht eine knapp fünfstündige Fahrt über die Pässe und durch die Nebelwälder der Cordillera Central. Aber davon mehr im nächsten Artikel…

IMG_8055

Unsere Reise ist Teil der Condor Spendenaktion für “Ein Herz für Kinder”. Gemeinsam mit der Tigerente haben wir Panama entdeckt. Die vollständige Reiseroute findet ihr hier: TigerenteGoesPanama. Ich danke Condor für die Unterstützung! Mehr Bilder zur Reise gibt es auf Instagram und Twitter unter dem Hashtag #TigerenteGoesPanama.

Vielen Dank außerdem an Familie Kipp für die Einladung und den relaxten Aufenthalt im Isla Verde Hotel!

 



There are 2 comments

Add yours
  1. TiNa

    Hallo Claudia,
    danke für die vielen Tipps! Wir brechen in 2 Wochen nach Panama auf und Boquete steht auch auf dem Plan. Ich habe mir gleich mal alles aufgeschrieben.
    Herzlich, TiNa


Post a new comment