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Mumbai – Stadtbesichtigung mit Kindern

Mumbai war unser erster Versuch, eine solche Stadt mit den Kids kennenzulernen. Wir hatten vorher gründlich darüber nachgedacht wie wir es angehen. Einfach wie früher loslaufen und sich durch die Straßen treiben lassen? Mit einem 2jährigen im Schlepptau, bei 40 Grad Aussentemperatur und einer Luftfeuchtigkeit die einer dampfenden Waschküche entspricht, in einer 12,5 Millionen Einwohner Stadt die sich über eine Fläche von 437 Quadratkilometern erstreckt, erschien uns das nicht als die optimale Idee.

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Da kam mir ein Artikel gerade recht, den ich über eine kleine, lokale NGO gelesen hatte: Reality Gives. Reality Gives betreibt in Dharavi, einem der größten Slums der Welt und im Herzen Mumbais gelegen, verschiedene Hilfprojekte für Kinder und Jugendliche. Ihre Arbeit finanzieren sie, neben Spenden, durch Touren in Mumbai und Umgebung. Die lokalen Guides, meistens Jugendliche und junge Erwachsene aus ihren Programmen, bieten dabei Führungen der etwas anderen Art an. Während es für ausländische Besucher normaler Weise eine ziemlich dumme Idee wäre sich in die Gassen des Slums Dharavi zu verirren oder Mumbai bei Nacht mit dem Fahrrad zu besichtigen, sind die Guides, die hier wie in einem Dorf jeden kennen, akzeptiert. Die Bewohner wissen, dass das eingenommene Geld in die verschiedenen Projekte zur Entwicklung ihrer Community fließt und unterstützen die Arbeit. Ich schrieb Reality Gives eine Email und fragte nach, ob sie uns eine Guide mit Auto für einen Tag zur Verfügung stellen könnten. Sie konnten, und so waren wir am Tag nach unserer Ankunft mit Ganesh verabredet. Im Nachhinein erwies sich diese Anfrage als wahrer Glücksgriff. Anstelle der sonst so gleichförmig konfigurierten Stadttouren, auf den immer gleichen, ausgetretenen Touristenpfaden und mit geschulten Führern, die ihr Programm abspulen, erhielten wir eine Stadtführung der ganz anderen Art. Reality Gives, damals auf solche Anfragen noch nicht standardmäßig eingestellt, hatte irgendwo in Dahravi einen Fahrer mit Auto und einen englischsprechenden Guide aufgetrieben. Und diese zwei zeigten uns dann “ihr Mumbai”. Niemals hätten wir die Stadt auf eigenen Faust so kennen lernen können. Wir kamen in Gegenden vorbei, in die sich vermutlich noch nie ein Tourist verirrt hat und lernten die Stadt wirklich kennen. Damals schrieb ich in mein Reisetagebuch:

Was uns nach 1 1/2 Tagen am meisten auffällt: Es gibt so gut wie keine europäischen oder U.S. amerikanischen Touristen in der Stadt. Während sonst in den großen Hotels weltweit Europäer und Amerikaner eigentlich immer in der Überzahl sind, sind hier so gut wie keine zu sehen. In unserem Hotel sind 99,9 % der Gäste indische Geschäftsreisende. Umso erstaunter schauen diese als am Morgen Ganesh mit dem verbeulten Tata-Jeep vorfährt, um uns zu unserer Stadttour abzuholen.

Unser Hotel liegt außerhalb des Stadtzentrums. Die lange Fahrt durch den morgendlichen Berufsverkehr gibt spannende und abenteuerlich Einblicke in das Mumbaier Verkehrsgeschehen. Dem westlichen Beobachter mag sich der Sinn, unter hupen, drängeln und schneiden eine vierspurige Strasse möglichst in 6er oder 7er Reihen zu befahren entziehen, unser Fahrer hat aber offensichtlich den Ehrgeiz, die überfüllten Strassen mit mindestens 90 km/h als Gewinner zu passieren. Ganesha, der Namenspatron unseres Guides, sitzt gemütlich auf dem Armaturenbrett und schaut beruhigend in die Runde.

Auf dem Seitenstreifen, nur Zentimeter neben dem brausenden Verkehr, spielen 3 kleine Kinder im Schmutz. Ein einzelner Topf und ein paar Lumpen deuten darauf hin, dass es sich um ihr zu Hause handelt. Keine Plane, keine Decke die zumindest eine behelfsmäßige Hütte andeuten. Auch Eltern sind nicht zu sehen. Ein etwa 4jähriges Mädchen mit zerzausten Haaren kümmert sich um die kleinen Brüder und hält sie vom gefährlich nahen, rasenden Autoverkehr fern. Die kleineren Kinder tragen nichts außer einem verlumpten T-Shirt – ein Pragmatismus der mir im Verlauf des Tages noch öfters auffällt: Wer kein Geld für Windeln hat, lässt diese und Hosen einfach weg.

Die Klimaanlage des Tata gibt sich größte Mühe. Aber außer einer leichten Luftbewegung hat sie den tropischen Temperaturen nicht viel entgegen zu setzen. Die stattdessen runtergekurbelten Fenster sorgen für angenehmen Fahrtwind und ziehen gleichzeitig alle Gerüche des Molochs Mumbai ins Auto. Mumbai hat einen ganz eigenen Geruch, der einen bereits am Flughafen empfängt. Es riecht nach einer Mischung aus Gewürzen, Unrat, Abgasen und brackigem Wasser. Unser erster Stop sind die Dhobi Ghats. Kaum aus dem Auto gestiegen, sammelt sich eine Schar halbnackter, bettelnder Kleinkinder um uns. Am Straßenrand hat eine Frau eine junge Kuh festgebunden. Gegen Gebühr können ihr gläubige Hindus kleine Büschel Gras abkaufen und das heilige Tier füttern. Von einer Brücke aus schauen wir auf die größte Open Air Wäscherei der Welt. In kleinen, vom Staat verpachteten Bassins mit schmutzig braunen Wasser, wird hier fast die gesamte Wäsche der Stadt gewaschen. Die Wäscher leben gleich neben ihren Becken in windschiefen Wellblechunterständen. Und über allem flattert die, rätselhafter Weise blütenweiß gewaschene Wäsche, auf ihren Trockenleinen.

Die Fahrt geht weiter Richtung Zentrum, vorbei am mondänen Four Seasons Hotel. Während auf der einen Seite livrierte Wärter am Einfahrtstor der marmornen Auffahrt Wache schieben, drängen sich am gegenüberliegenden Strassenrand kleine Hütten aus Pappe, Wellblech und Lumpen. Der brausende Verkehr schiebt sich nur Zentimeter an den Eingängen der Behausungen entlang – was die Bewohner nicht davon abhält entspannt ihren Tagesverrichtungen nachzugehen, ganz so als stünden sie in einen friedlichen, grünen Vorgarten und nicht mitten in diesem Strom ewig hupender, stinkender und drängelnder Zwei-, Drei- und Vierräder. Ganesh macht uns auf den Kontrast zwischen Luxushotel und Slumhütten aufmerksam, nicht ohne Stolz darauf hinzuweisen, dass fast alle dieser Hütten über fließend Wasser, Strom, Fernseher und Waschmaschine verfügen.

Diese Haltung wird uns noch öfters begegnen. Bei all dem unübersehbaren Elend legen die Menschen größten Wert darauf, nicht als Bedürftige, Bettler oder schlicht Slum-Bewohner gesehen zu werden. Der erfolgreiche Film “Slumdog Millionaire” hat die Mehrheit der Mumbaier tief in ihrem Ehrgefühl verletzt und zu scharfen Protesten geführt. Die Bezeichnung als Hund im Titel des Films ist für die Menschen, die trotz ihrer offensichtlichen Armut und der allgegenwärtigen Unzulänglichkeiten des Systems emsig und fleißig ihrer Arbeit nachgehen, zutiefst beleidigend. Gleichzeitig verstellt diese Haltung den Blick auf das existierende Elend und verhindert Solidarität in der Gesellschaft. Dem westlichen Besucher wird gerne die Geschichte des Bettlers erzählt, der eines Tages tot auf der Straße aufgefunden wurde. In seinen Taschen fand sich eine Karte zu einem Bankkonto und einem Schließfach. Angeblich war er Besitzer dreier Mietwohnungen sowie eines beträchtlichen Bargeldbetrags. Diese Haltung erklärt auch die schonungslose Ignoranz mit der in Mumbai extremer Wohlstand neben bodenloser Armut besteht. So ragt mitten im Stadtzentrum das “Billionaire House” auf, das teuerste Privathaus der Welt. Ein reicher Ölmagnat hat sich hier für seine 5köpfige Familie ein Hochhaus direkt über den Slums bauen lassen. Ein Kinosaal, eine Garage für 170 Autos und 500 Angestellte sorgen dafür, dass es der Familie hier an nichts fehlt.

Nach vielen Stops an Märkten, chaotisch wimmelnden und flirrenden Straßen, den wichtigsten Wahrzeichen der Stadt wie dem Gateway of India und den hängenden Gärten endet unsere Fahrt an einen Hindutempel. Das Auto setzt uns einige Ecken entfernt ab und wir machen den Weg durch die Gassen zu Fuß. Die Straßenränder sind gepflastert mit Unterständen an denen Blumen und Backwaren auf silbernen Tabletts verkauft werden. Je näher wir dem Tempel kommen, desto enger wird das Gedränge der Gläubigen die zum Tempel wollen. Ca. 100 Meter vorm Tempel müssen wir unsere Schuhe abgeben. Ein paar zerlumpte Gestalten bieten gegen Bakschisch an, auf diese aufzupassen. Mißtrauisch betrachten wir die verdreckte Strasse die zum Tempel führt. Aber die Neugier überwiegt. Wir lassen unsere Schuhe im Tausch gegen ein kleines Holzschild mit einer Nummer bei einem der Wächter zurück und machen uns auf den Weg in den Tempel. Drinnen herrscht fröhliche Unruhe. Der Tempel ist Lakshmi geweiht und verspricht Wohlstand und Reichtum. Während Sven und die Kinder am Rand bleiben, Reihe ich mich in die Schlange der Gläubigen ein die in das Tempelinnere wollen. Unser Guide kann nicht mitkommen, da hier Männer und Frauen klar getrennt werden. Und so finde ich mich bald in einer endlosen, schiebenden Gruppe indischer Frauen wieder, die alle ihre Tabletts mit Blumen und anderen Opfergaben in den Tempel bringen möchten. Mit meiner Erscheinung fühle ich mich wie eine Außerirdische aber die Frauen, die ansonsten gnadenlos schieben und drängeln halten respektvollen Abstand und lächeln mir sehr freundlich zu. Endlich drinnen, erkenne ich auch den Grund für die Drängelei. Zwei Geistliche mit nacktem Oberkörper und weißer Körperbemalung stehen vor dem Schrein. Aufpasser lassen immer eine dosierte Gruppe von Gläubigen zu den Geistlichen vor. Dort haben sie wenige Sekunden Zeit, ihre Opfergaben an die Geistlichen zu übergeben. Es geht zu wie in einer Mensaküche. Mit ausholenden Bewegungen und lautem Klatschen werden die mitgebrachten Blumen und Speisen auf den Schrein geschmissen. Nach nur wenigen Sekunden drängen Ordner die Menge nach draußen und machen Platz für die nächste Gruppe. Doch niemand will gehen, ohne sein Tablett zurück erhalten zu haben. Einige wenige haben Glück und bekommen den Silberteller, auf den mit einem ausladenden Handschlag einige welke Blumen und siffige Süßigkeiten vom Altar geklatscht werden. Die anderen müssen den Raum enttäuscht mit leeren Händen verlassen. Die wenigen Glücklichen tragen ihren Schatz stolz vor sich her. Sie werden ihre Wohlstand verheißenden Schätze nach Hause bringen und dort mit Familie und Nachbarn teilen.

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