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Ohne Flugticket von Indien nach Sri Lanka

Unser Flug von Mumbai via Chennai nach Sri Lanka ging früh am Morgen. Um vier Uhr nachts holten wir die Kids aus den Betten. Durchs Taxifenster warf ich einen letzten Blick auf die noch dunkle, langsam erwachende Stadt. Überall lagen Menschen, auf den Gehwegen, am Straßenrand, einzeln, in Gruppen, ganze Familien. Manchmal mit einer Plane über dem Kopf oder auf einem Stück Pappe, oft auf dem nackten Beton und Staub.

Hier und da schienen in den Blechhütten entlang der Straße erste Neonleuchten auf. Der eine oder andere Hund streifte auf der Suche nach Essbarem durch die Gassen. Der Moloch Mumbai erwachte ganz langsam zum Leben. Vom üblichen Chaos und Wahnsinn des Tages, war jedoch noch nichts zu sehen. Die Große jammerte, sie habe Hunger. Kein Problem, tröstete ich sie. Wir hatten mehr als genug Zeit am Flughafen eingeplant und würden dort in Ruhe frühstücken. Daraus sollte nichts werden.

Am Flughafen gingen wir in aller Ruhe zum Kingfisher Schalter über dem die Chennai-Tafel leuchtete. Die Tickets für die Flüge hatten wir schon Wochen zuvor online gebucht, bis zum Abflug war noch viel Zeit und am Counter stand angenehmer Weise keine Schlange. Warum, sollte uns kurz darauf klar werden. Nach einem kurzen Blick auf unsere Tickets brach hektische Betriebsamkeit aus. Innerhalb weniger Sekunden waren wir von einer Gruppe heftig diskutierender Airline-Mitarbeiter umringt. Wir verstanden kein Wort. Ein Mann zerrte an unseren Taschen, die wir noch in der Hand hielten, ein anderer schrie aufgeregt ins Telefon, zwei weitere gerieten gestikulierend in Streit. Endlich kam einer von ihnen hinter dem Counter hervor und erklärte: “You are late. Flight is leaving in 10 minutes.” Was? In 10 Minuten? So ein Unsinn – bis zum Abflug waren noch 2 Stunden Zeit. “No Madam, only flight to Chennai today. Leaving in 10 Minutes. You must run.” Und schon packte er meinen Mann am Arm und fing an, den Gang runter zu rennen. Ich verabschiedete mich innerlich von unserem Gepäck, das in der Check-In Halle zurückblieb, schnappte mir meine Tochter und rannte hinterher. Die scheinbar endlose Jagd durch die Gänge des Flughafens endete abrupt vor den Sicherheitskontrollen. Die Schlangen reichten gefühlt bis zum Horizont – und waren nach Männern und Frauen getrennt.  Ich erhaschte einen letzten Blick auf meinen Mann und meinen Sohn, die der Kingfisher-Mitarbeiter, irgendetwas auf Maharati rufend, in Windeseile durch die Menschenmassen ganz nach vorne bugsiert hatte und betrachtete frustriert die wogende Menge bunter Saris vor mir. Dann nahm ich meine Tochter auf den Arm und fing an mich unter Pardon- und Excuse-me-Gemurmel nach vorne vorzudrängeln. Die Blicke, die mir die anderen Wartenden zuschossen, sprachen Bände.

Tatsächlich fand ich irgendwo hinter der Sicherheitskontrolle den nervös zappelnden Mitarbeiter vom Check-in wieder. Daneben mein Mann mit dem heulenden Dreijährigen auf dem Arm, dem das Ganze um diese Uhrzeit zu viel war. Viele Gänge und eine schmerzende Lunge später, erreichten wir das Gate. Laut Anzeigetafel ging der Flug tatsächlich nach Chennai – und hätte bereits vor 15 Minuten starten sollen. Wir wurden zur Gangway geschoben und jemand drückte uns eine einzelne Bordkarte in die Hand. Verblüfft fragte ich nach den Bordpässen für den gebuchten Weiterflug. “No Madam, no Kingfisher flights to Sri Lanka”, war die Antwort. Komplett platt und verblüfft fielen wir im Flugzeug in unsere Sitze. Kein Flug nach Sri Lanka? Kann ja nicht sein. Stand ja schließlich auf unserer Buchungsbestätigung. Aber gut, das würden wir in Chennai klären.

Am Domestic Terminal von Chennai angekommen war die größte Überraschung, dass unser Gepäck es tatsächlich in die Maschine geschafft hatte. Die andere große Überraschung war, dass auf den Abflugtafeln tatsächlich kein Kingfisher-Flug nach Colombo angezeigt wurde. Am Infoschalter winkte man ab. Wir müssten einfach nur in den International Terminal rüber, da würden wir unseren Flug schon finden. Leichter gesagt als getan. Wir wollten gerade durch die Schiebetüren in die Abflughalle des internationalen Terminals, als uns ein Soldat stoppte und auf das Schild über seinem Kopf zeigte. Eintritt nur mit Ticket oder Boardkarte. Freundlich lächelnd kramte ich in meiner Tasche und zog den Ausdruck der komplett auf deutsch geschriebenen Bestätigungsemail unserer Buchung hervor. Tatsächlich durften wir, nachdem er das Papier gefühlte zwanzig Minuten lang angestarrt hatte, wobei er das Blatt überwiegend falsch rum auf dem Kopf stehend hielt, passieren.

Drinnen dann die nächste Überraschung: kein Kingfisher-Schalter und auch sonst keine Schalter, an denen man Tickets hätte kaufen können. Klar, die musste man ja zum Betreten der Halle schon haben. Langsam ziemlich entnervt, steuerten wir auf den nächstbesten Air-India-Counter zu und erklärten unsere Lage. Zu unserem Verblüffen fing der Mann hinter dem Schalter herzlich an zu lachen und verschwand dann in den Büros im Hintergrund. Kurz darauf tauchte er mit seiner Vorgesetzten, eine beeindruckenden Matrone im orangefarbenen Sari, wieder auf und wir bekamen endlich unsere Erklärung: Kingfisher war pleite, der nationale Flugplan extrem zusammengestrichen und alle internationalen Flüge gecancelt. Leider hatte die Fluggesellschaft es offenbar nicht für nötig gehalten, diese Nebensächlichkeit an Passagiere mit bereits gekauften Tickets zu kommunizieren. Das sei aber alles kein Problem, erklärte man uns. Praktischer Weise hätte Air India eine Maschine, die in einer Stunde Richtung Colombo starten würde. Ob wir denn Bargeld hätten? Ansonsten wäre dort hinten ein Geld-Automat.

Dann wurden wir in ein Büro gebeten und schauten interessiert zu, wie sich mehrere Mitarbeiter mit Taschenrechnern vor dem Computer versammelten und wild zu tippen anfingen. Nach einigen Minuten präsentierte man uns stolz das Ergebnis der Rechnerei. Umgerechnet knapp 250 € für vier Tickets von Chennai nach Colombo und damit erstaunlich viel billiger, als der gebuchte Kingfisher-Flug. Kurz ging ich im Kopf durch, ob mir zur Absturz-Statistik von Air India etwas einfiel, aber eigentlich war mir inzwischen alles egal. In Sri Lanka warteten Freunde auf uns, mit denen wir weiterreisen wollten und ich hatte wenig Lust, noch mehr Zeit auf diesem Flughafen zu verbringen. Die Kinder hatten inzwischen wirklich Hunger und ich hoffte, hinter den Sicherheitskontrollen endlich etwas Essbares zu finden. Also zahlten wir und erhielten im Austausch die Boardkarten, handgeschrieben, wie ich sie das letzte Mal irgendwann in den 80ern gesehen hatte.

Kurz drauf zwängten wir uns zwischen einigen ceyloneschen Gastarbeitern auf dem Heimweg und einer indischen Großfamilie, in die am engsten bestuhlten Sitzreihen, die ich jemals in einem Flugzeug gesehen habe. Hier zeigte sich der Vorteil des Reisens mit Kindern. Immerhin konnte ich ein Bein nach einigen Biegen und Falten im Fußraum meiner Tochter unterbringen. Ich beschloss, mich davon nicht irritieren zu lassen, genauso wenig wie von der Tatsache, dass die Kabine innen überwiegend von silbernem Klebeband zusammengehalten wurde, was einige Teile der Kabinenverkleidung nicht daran hinderte, beim Start durch die Erschütterungen von der Decke geschüttelt zu werden. Mit einem beherzten Schlag richtete die Flugbegleiterin das wieder bevor sie mit unbewegter Miene zum Getränkeservice überging. Und tatsächlich landeten wir einige Zeit später, und mehr als 3 Stunden vor der ursprünglich gebuchten Ankunft, wohlbehalten am Flughafen von Colombo.

 

Reisetipp:

Flugrückbestätigung – ein Wort, das bei vielen nur Assoziationen zu 80er Jahre Charterflügen von der Mittelmeerküste nach Hause und zu streikenden spanische Fluglotsen weckt. Eine Hotline anrufen? Wie spießig und außerdem völlig unnötig. Tatsächlich sind wir Mitteleuropäer inzwischen ziemlich verwöhnt, was die Zuverlässigkeit der gebuchten Flüge angeht. In der Regel gehen sie tatsächlich zur geplanten Zeit, manchmal plus/minus ein paar Stunden. Apps, Emails und SMS melden Änderungen bequem auf das Smartphone. Bei Reisen in weniger entwickelte Länder lohnt es sich aber tatsächlich, die Abflugdaten am Tag zuvor noch einmal zu checken. In Mumbai hatte ich das wider besseren Wissens leider versäumt. Gerade bei vielen kleineren Inlandsfluggesellschaften haben die angekündigten Flugzeiten häufig eher Empfehlungscharakter. Manch eine Überraschung kann man da bei rechtzeitiger Nachfrage verhindern. Wenn die Überraschung trotzdem erst am Check-in wartet, hilft eine gewisse Gelassenheit. Irgendwie wird man irgendwann schon am Zielort ankommen. 



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  1. Fundstücke der Woche: Geheimtipps Bali, Indiens schönste Orte, Hilfe für Bohol und mehr › Indien, Indonesien, Kambodscha, Philippinen, Vietnam › Faszination Südostasien

    […] Stellt euch vor, ihr erfahrt beim Umsteigen am Flughafen, dass die Fluggesellschaft, deren Tickets ihr gerade in den Händen haltet, pleite ist. Stellt euch vor, dass Ganze passiert euch ausgerechnet in Indien! Einen amüsanten Bericht über eine Reise von Mumbai nach Colombo mit handgeschriebenen Bordkarten, hungrigen Kindern und lachenden Schalterbeamten findet ihr auf Fernweh mit Kids. […]

    • fernwehmitkids

      Hallo Sophia,
      ja, wir fanden es auch ziemlich “unglaublich”. Und so sehr es in dem Moment genvert hat – eigentlich sind das doch die besten Urlaubserinnerungen. Zumindest die, die man lange nicht vergisst ;)
      LG, Claudia


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