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Der Zauber Jordaniens – dem Himmel so nah

Ein Reisejahr voller Erlebnisse und Eindrücke liegt hinter mir. Aber es ist ein einzelnes Land, das so ganz anders war, als alle anderen. Der Zauber Jordaniens lässt mich seitdem nicht mehr los.

2015 neigt sich dem Ende zu, nur noch wenige Stunden bis zum Jahreswechsel. Es waren spannende zwölf Reisemonate. Wir waren in Kambodscha und Vietnam, in Südtirol und Großbritannien. In so vielen weiteren Ländern Europas. In Metropolen und brodelnden Hauptstädten, in Dubai, Saigon, Berlin, Paris, Phnom Penh und Bangkok. Jeder dieser Orte war auf seine Weise faszinierend. Aber trotzdem lässt mich eine Erinnerung nicht los: Jordanien… Jordanien, das Land, dessen Felsenstadt in der Wüste mich lange Zeit sprach- und wortlos werden ließ. Das Land, dessen Hauptstadt mich mit ihrer Intensität fast verschluckte.

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Liegt es daran, dass ich hier meinen Ängsten das erste Mal von Angesicht zu Angesicht ins Auge sah? Liegt es an den Momenten, die einen ganz weit zurückführen, zu einem Ort, den man selbst kaum kennt? Liegt es an den Menschen, die diesem Land seine ganz besondere Tiefe und Seele geben, die schwer in Worten zu fassen ist? Liegt es an Salim, Chalid und den vielen anderen? An 1.100 Höhenmetern oder der Hitze der Wüste? Ein Tagebuch:

Samstag, 12. September:
Heute Abend haben wir uns kurz am Flughafen getroffen. Wir kennen uns kaum, sehen uns eben zum ersten Mal und werden die kommende Woche gemeinsam durch Jordanien reisen. Salim ist schon da. Er begleitet uns fürsorglich vom Flughafen ins Hotel. Die Reise kann beginnen.

Sonntag, 13. September:
Die Abfahrt ist für den frühen Morgen geplant. Schon lange vorher war ich wach. Selten hält es mich in fremden Ländern lange im Bett. Zu intensiv das Gefühl, möglicherweise etwas zu verpassen. Um kurz nach Sieben geht es Richtung Petra. Petra, diese verlassenene Tempelstadt inmitten der Wüste, Hauptstadt des Reiches der Nabatäer und Heimat der Bedouinen.

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Der Weg führt durch Canyons, die hoch zu beiden Seiten des Pfades aufragen. „Siehst Du den Fisch? Gleich da oben an der Kuppe?“ – „Nein, es ist eher eine Giraffe.“ – „Oder doch ein Nilpferd?“ – Von Zeit zu Zeit werden wir von einem Kamel oder einer Kutsche überholt. In wildem Ritt jagen junge Männer auf Pferderücken an uns vorbei. Die Hufe kündigen sie an. Die drahtigen Tiere geben ihr bestes. Angefeuert von den wilden Rufen und Schreien der Bedouinen.

Dann, ein Felsvorspung. Ein erster Blick auf das Schatzhaus. Ein paar wenige Touristen, viele Fremdenführer, die in den nächsten Stunden das Tal entlangwandern. Was für das Land ein Fluch ist, ist für uns ein Segen. Wenige Chancen hatte man bisher, sich diesen besonderen Flecken Erde so alleine anzusehen. Vielleicht sind es die vielen tausend Jahre Geschichte. Irgendetwas weht durch diese Schluchten und trägt uns fort.

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Montag, 14. September:
Der Jeep ist eng, die Federn haben schon bessere Tage gesehen. Scheinbar zufällig hoppelt das Fahrzeug über einen Feldweg. Früh im Morgengrauen sind wir aufgestanden. Der Himmel wartet. Die SUVs fahren zu einer ersten Stelle, gar nicht weit von unserem Wüstenzeltcamp. Unter runden, hoch aufragenden Felsen haben wir die Nacht verbracht. Die Planen der Bedouinenzelte gaben uns Schutz vor der kühlen Wüstennacht.

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Nun stehen wir da und schauen dem Mann, den wir nicht kennen, dem wir aber für die nächstens Stunden unser Leben anvertrauen wollen, zu, wie er einen bunten Gasballon nach dem andereren in den Himmel steigen lässt. Noch kurz zuvor hatten wir gewitzelt. War gestern Kindergeburtstag? Erst jetzt wird uns klar, dass es sich hier um einen Test handelt. Weht Wind? Und wenn ja, aus welcher Richtung?

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Kurz darauf finde ich mich im Ballonkorb wieder. Der Boden, die Autos, die Berggipfel, alles wird kleiner und kleiner – und meine Höhenangst bricht sich ihren Weg. Ich kann mich nicht entscheiden zwischen Furcht und Euphorie, der Blick ist atemberaubend. Nie zuvor habe ich so etwas gesehen. Diese schroffen Felsgipfel, der rote Wüstensand, die Fahrzeuge, die uns wie Spielzeugminiaturen am Boden folgen. Ich riskiere den Blick über den Korbrand. Und frage mich gleich darauf ob ich wahnsinnig bin. Hier hänge ich, an ein paar Seilen und einem aufgeheizten Tuch, während die klagenden Liebeslieder unseres tschetschnischstämmigen Piloten über die endlose Weite um uns herum wehen.

Dienstag, 15. September:
Im frühen Morgengrauen erhasche ich aus dem Hotelfenster einen ersten Blick auf dieses ganz besondere Licht, das die Viermillionen-Metropole Amman erleuchtet. Im Laufe des Tages, wenn die Sonne höher steigt, wird es sich wandeln. Doch bleibt immer ein Schleier in der Luft, der der Szenerie die unwirkliche Anmutung eines Nostalgiefilters verleiht.

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Nur wenig später mischt sich Kaffeeduft in den morgendlichen Dunst. Wir stehen auf dem Zitadellenhügel und blicken über die endlosen Ausdehnungen dieser Stadt ohne Skyline auf den sieben Hügeln. Nur der riesige Fahnenmast überragt mit seinen 130 Metern die Hausdächer der ansonsten nahezu hochhausfreien Metropole. Unter uns haben die Kaffeeröster ihre Arbeit aufgenommen. Und während der betörende Duft der Bohnen auf den Hügel emporsteigt, durchstreifen wir das Qasr. Er leerer staubiger Platz, dahinter der leicht verfallene Kuppelbau. Wüsste ich es nicht besser, wäre ich sicher in diesem Moment an einem Filmset von George Lucas Star-Wars-Trilogie zu stehen.

Nur wenig später hat uns das brodelnde Leben zurück. Wir sind vom Zitadellenhügel herabgestiegen, direkt in die lauten und hektischen Gassen der Souks. Spätestens hier bekommt man Lust, die betörenden Düfte und leuchtenden Früchte zu etwas Köstlichem zu verarbeiten. Und nur kurz darauf bekommen wir auch die Gelegenheit dazu.

Auf der Terrasse von „Großmutters Haus“, dem Beit Sitti, haben Maria und ihre Mitarbeiterin schon alles vorbereitet. Und während wir noch den Ausblick von der Dachterrasse genießen, klatscht sie bereits energisch in die Hände.

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Die nächsten zwei Stunden hacken wir Kräuter, kneten Teig und schwitzen bei 35 Grad vor den Töpfen mit ihren dampfenden Speisen. Belohnt werden wir mit einem köstlichen, jordanischen Mahl. Marias Großmutter hätte das gefallen.

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Der Abend klingt in der Rainbow Street aus. Die eigentlich Abu Bakr al Siddiq genannte Straße im Herzen des historischen Viertels Jabal Amman ist so etwas wie der wilde Punk dieser ehrwürdigen Stadt. Bars, Kaffees und Restaurants reihen sich hier aneinander und die Jugend feiert ihre Freiheit.

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Mittwoch, 16. September:
Antike Ruinen dominieren den Tag. Von Ajiloun, dessen Festung bei der Bezwingung der Kreuzritter eine wesentliche Rolle spielte, geht es nach Jerash, einer Provinzstadt im Norden Ammans. Sie zählt zu den weltweit am besten erhaltenen griechisch-römischen Provinzstädten. Kolonnadenstraßen, Bögen, Tempel und Bäder reihen sich aneinander. Über allem flimmert die Hitze des Tages. Der Zustand der Anlage ist bemerkenswert und mag die reinste Spielwiese für Forscher sein. Ich aber bin kein Kunsthistoriker. Ich will zurück in dieses lebendige, das bunte, echte und intensive Leben, das mich schon seit Ankunft in Jordanien so sehr fasziniert.

Nur wenig später wird mein Wunsch erfüllt. Wir erreichen As-Salt. Die antike Stadt war einst die wichtigste Siedlung im Gebiet zwischen dem Jordantal und der östlichen Wüste.

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Der Tourismus scheint an diesem Ort trotzdem nahezu spurlos vorbeigegangen zu sein. Beim Gang durch die Gassen fühle ich mich wie ein Alien. Trotz Schal über den blonden Haaren und langer, weiter Kleidung, falle ich auf wie ein bunter Hund. Mich stört das nicht weiter. Viel zu sehr bin ich damit beschäftigt, all die Eindrücke dieses wirklich authentischen Ortes aufzusaugen.

Donnerstag, 17. September:

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Ein ruhiger Tag am Toten Meer. Gleißend ging die Sonne bei unserer gestrigen Ankunft über den Hügeln am gegenüberliegenden Ufer unter. Bereits bei der Anfahrt war die Nähe zum nicht immer geliebten Nachbarn Israel spürbar. Nur wenige Kilometer entfernt beginnt das Westjordanland. Am Abend sieht man auf den Hügeln am anderen Ufer die Lichter Jerusalems glitzern. Straßensperren und Militärpräsenz künden von der schwierigen Lage der Region. Bis heute ist der überwiegend von Palästinensern bewohnte Landstrich Zankapfel zwischen der israelischen Regierung und den arabischen Ländern.

Im Hotel angekommen spürt man davon natürlich nichts. Den Urlaubern hier geht es um Erholung, Schlammpackungen und das vollendete Selfie, auf dem Rücken floatend im salzigen Wasser geschossen, machen die Reise perfekt. Wer so etwas mag, kann hier ein paar Tage im vollkommenen Nichtstun verbringen. Vom Frühstücksbuffet ins Spa, dann weiter zur Massage und zum Pool, ein kurzer Dip im salzigen Nass und dann weiter zum Dinner.

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Meins ist das nicht. Trotzdem genieße ich den Tag. So viele Eindrücke habe ich in den letzten Tagen gesammelt, so viel haben wir gemeinsam erlebt. Der Tag tut gut, um das Erlebte Revue passieren zu lassen und all die Momente zu verarbeiten.

Freitag, 18. September:
Religiös oder nicht, Moslem, Hindu, Buddhist, Atheist oder Christ, egal. Wir sind im Jordantal. Jeder Stein, jedes Sandkorn atmet hier die Geschichte vieler tausend Jahre Mythologie, Überlieferungen und Religionsgeschichte. Und so gehört der Besuch einer der heiligsten Stätten des Christentums einfach dazu.

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Die Fahrt zum Jordan verläuft entlang militärischer Anlagen. Wachtürme ragen in den Himmel. Im Hintergrund leuchten die goldenen Kuppeln der Kirchen, die Gläubige hier haben erbauen lassen. Nirgendwo sonst kommen sich Jordanien und Israel so nahe, wie in den Wassern des Jordans. Nur eine Kette mit Bojen trennt die Gebiete. Bevor man jedoch dorthin gelangt, führt der Weg über Pfade und Brücken, bis hin zu einem kleinen, algengrünen und steinumrahmten Wasserloch im Wüstensand. Der Jordan, hier nur noch ein dünnes, schlammgefärbtes Rinnsal zwischen Blumensträuchern, war einmal ein erhabener, breiter Fluss. So erklärt sich, dass die Taufstelle Jesu inzwischen viele Meter von den heutigen Ufern entfernt liegt. Am gegenwartlichen Jordan angekommen, staunt man erst einmal über die aufwendigen Anlagen auf israelischer Seite. Busladungsweise lassen sich die Gläubigen dort zu den Steintreppen führen, um wenig später entzückt ins schlammbraune Wasser zu treten.

Auf der jordanischen Seite geht es ruhiger zu. Ein paar Holzstufen führen zum Ufer hinab. Eine ganze Weile sitze ich hier und beobachte die Szenen, die sich vor mir ausbreiten. Ich gebe zu, die spirituellen Gefühle, die sich ganz offensichtlich unter den anderen Besuchern entfalten, liegen mir mit meinem atheistischen Weltbild völlig fern. Umso mehr freue ich mich wenig später über das Holy-Survial-Kit, das in der örtlichen Kapelle zum Kauf angeboten wird.

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Am Nachmittag klingt der Tag sehr viel weltlicher aus. Die letzte Nacht verbringen wir an den heißen Quellen von Hammamat Ma’in. Nach einer Fahrt durch die Berge oberhalb des Toten Meers, erreichen wir die warmen Wasserfälle im Gebirge. Rau stürzt das Wasser durch die ungewöhnlich grünen Berghänge und sammelt sich in den angelegten Pools.

Junge Männer toben ausgelassen durch die Fluten und auch einige Frauen im Burkini oder langer Badekleidung mit Schleier sind zu sehen. Mit meinem Bikini käme ich mir recht unpassend bekleidet vor und beschränke mich daher lieber aufs Zusehen. Der beeindruckenden Hügellandschaft mit ihren sattgrünen Hängen tut das aber keinen Abbruch. Dieser Ort ist so voller Leben, dass es einen einfach mitreißen muss.

Samstag, 19. September:
Die frühmorgendliche Fahrt zum Flughafen führt durch kleine Städte und ländliche Dörfer. Ziegen und Schafen weiden links und rechts der Straße. Frauen sind auf dem Weg zum Markt, Männer machen sich bereit für die Arbeit und die Kinder ziehen Richtung Schule.

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Zeit, die letzten Tage Revue passieren zu lassen. Jordanien hat mich in seinen Bann gezogen. Selten habe ich ein Land bereist, in dem gelebte Kultur, Geschichte, Politik und Tradition auf so engem Raum gemeinsam koexistieren. Und in dem Gastfreundschaft so groß geschrieben wird. Jordanien leidet – vor allem unter der Nähe zu seinen zwei schwierigsten Nachbarn, Syrien und Irak. Das ist ungerecht. Die geografische Lage sagt wenig bis nichts über dieses Reiseland aus. Man kann sich hier völlig frei und entspannt bewegen. Sicherheitskräfte sorgen dafür, dass die Konflikte der Nachbarländer nicht über die Grenze treten. Gleichzeitig leistet Jordanien enormes für die Menschen in der Region. Über eine halbe Million Syrer hat das kleine Land, das selbst nur eine Bevölkerung von 6.5 Millionen hat, bisher aufgenommen.

An diesem Silvesterabend werde ich in den Himmel schauen und vor allem an eines denken: An den Moment, als der gelbgoldene Feuerball im Morgengrauen über der Wüste in den nachtblauen Himmel schoss. Mein Feuerwerk von Wadi Rum. An die Höhe und Weite, in diesem Korb hoch über dem Erdboden und an die Demut, die einen dieser Moment lehrt. Ich werde Khalids Lied noch einmal hören, diese traurige Melodie voller Wehmut und Liebe, ich werde zurückreisen, zu den Tempeln von Petra, an die Ufer des Jordans und auf den Zitadellenhügel hoch über Amman, zum Zauber Jordaniens.

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Offenlegung: Die Recherche wurde von Visit Jordan unterstützt. Dies hat keinen Einfluss auf den Inhalt der Berichterstattung. Dieser Blog unterliegt den Regeln des Reiseblogger-Kodex. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit findet ihr hier.



There are 5 comments

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  1. Lisa

    Bis eben habe ich noch daran gezweifelt die Jordanien Reise wirklich zu buchen. Du hast es geschafft alle Zweifel zu beseitigen. Toller Beitrag! Vielen Dank!

    • Claudia Böttcher

      Hallo Lisa,
      freut mich, dass ich dich überzeugen konnte. Viel Spaß in diesem wunderbaren Land. Und einen guten Rutsch!
      Liebe Grüße,
      Claudia

  2. Maximilian Böhm

    Es fühlt sich an, als ob ich erst gestern dort gewesen wäre. Und doch ist es bei mir schon 2 Jahre her.

    Tatsächlich habe ich in dem Land ein halbes Jahr verbracht – ich dachte nicht, dass ich es doch so dermaßen vermissen würde.

    Viele Grüße

    PS.: Deine Art zu schreiben, gefällt mir!

  3. Reisespatz

    Liebe Claudia, ein wunderbarer Reisebericht über Jordanien! Es scheint eine wirklich intensive und interessante Reise gewesen zu sein. Ich möchte direkt gleich dieses Land besuchen und sehen, ob es mich auch so verzaubern könnte.

    • Claudia Böttcher

      Liebe Sabine,
      herzlichen Dank für Dein Lob. Ja, es war eine sehr intensive Reise. Und eine, die ich absolut nicht missen möchte. So wie Du über den Oman schreibst, bin ich mir ganz sicher, dass Dir Jordanien sehr gefallen würde. Vielleicht etwas für die Bucket-List?
      Liebe Grüße,
      Claudia


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