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Kolonialer Charme in Nuwara Eliya – oder – Sind wir hier richtig?

Seit ein paar Stunden schon laufen wir durch Nuwara Eliya – auf der Suche nach dem überall angepriesenen “Kolonialcharme”. Entweder wir sind zu blind oder zu blöd. Die Reiseführer überschlagen sich fast: “… herrliche, gemäßigte Temperaturen …”, “… entzückende Kolonialbauten zeugen von der Vergangenheit als Luftkurort …”, “… Hotels und Villen aus der Gründerzeit, die sich ihren Charme bewahrt haben …”. Häh? Es ist grau, es ist neblig, es ist kalt, es regnet. Nicht nur das Wetter ist grau, der ganze runtergekommene Ort scheint unter einer dreckig-schwarzen Staubschicht zu liegen. Die einzige Farbe kommt von den Werbetafeln und Plakaten, die kreuz und quer in mehreren Lagen überall montiert sind. Von den Häusern und Fassaden blättert die Farbe ab, die Rinnsteine liegen voller Unrat und Müll. Neben windschiefen Bretterbuden finden sich ein paar hässliche Betonklötze, die ihre beste Zeit gleich nach dem Bau vor 40 Jahren hinter sich gebracht haben. Durch alles fließt ein stinkendes, verdrecktes Rinnsal von Fluss.

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Entlang der Hauptstraße drängen sich, an den Tresen der versifften Liquor-Store-Buden, abgerissen aussehende, in Lumpen gewickelte Wanderarbeiter, die unter erbarmungswürdigen Bedingungen auf  den umliegenden Obst- und Blumenplantagen arbeiten und hausen und hier schwankend ihren Wochenlohn versaufen.

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Wir laufen, immer noch auf der Suche nach dem angepriesenen Charme des Ortes, die Hauptstraße weiter Richtung Stadtrand. Um ums herum wird tuberkulös bellend gehustet und der Auswurf in hohem Bogen auf die Straße gerotzt. Mein Mann setzt sich den Kurzen auf die Schultern und sieht zu, dass er weiter kommt.

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Und tatsächlich – am Rande der Innenstadt führt ein kleiner Weg, eingegrenzt von verrostetem Maschendraht, auf das alte Postamt zu. Der schweinchenrosa Klinkerbau mit seinem Uhrenturm steht etwas verlassen auf einer Anhöhe über einer lärmenden Kreuzung, über die sich der stinkende und hupende Verkehr schiebt. Da ist er also – der koloniale Charme. Äh ja, großartig.

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Mittlerweile wird es Abend und wir sind ziemlich hungrig. Die siffigen Stände entlang des Weges können uns nicht recht überzeugen. Eine Werbetafel verspricht Take-Away Italians Pizza aber die probiere ich dann doch lieber in Rom und bei den Italians.  Also machen wir uns auf dem Weg zum zweiten altehrwürdigen Highlight der Stadt – dem The Grand Hotel, in das wir uns für die Nacht einquartiert haben. Eigentlich wollten wir auf einer ehemaligen Plantage etwas außerhalb der Stadt übernachten. Aber da wir am nächsten Tag früh den Zug in Nanu Oya erreichen wollen, ist die Anfahrt zu umständlich.

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Built in the late 1800’s, the Grand Hotel which is located in Nuwara Eliya is indeed a charming yet luxurious hotel that offers you the grandeur of yester years with the comfort of modern facilities. “Häh?” ist auch hier wieder der einzige Kommentar, der mir spontan einfällt. Was haben die dem Autor dafür gezahlt – und war er jemals hier? Während der Anblick des verschnörkelten Fachwerk-Gebäudes, in seiner gepflegten Blumenanlage, von außen noch ganz ansprechend ist, offenbart sich im Inneren schnell, dass Charme und Luxus wohl in den späten 60er Jahren ihren letzten Höhepunkt gesehen haben. In den muffigen Gängen und Zimmern müssten dringend mal die fleckigen Teppichböden ausgetauscht werden, die Bäder brauchen eine Generalüberholung, das abgestoßene Mobiliar hat schon lange keinen Schreiner mehr gesehen und wer nicht darauf steht, sein Zimmer mit einem Schwarm Tauben zu teilen, lässt besser die Fenster zu.

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Zugute halten muss man dem Hotel, dass sich der Tourismus in Sri Lanka erst seit kurzem wieder von den Bürgerkriegsjahren erholt. Das Personal ist extrem bemüht und freundlich und abends gibt man sich mit einem riesigen, wirklich guten Buffet lokaler Spezialitäten allergrößte Mühe. Auch habe ich selbstverständlich schon schlechtere Absteigen gesehen und Verständnis dafür, dass die wohl geplanten Sanierungen finanziert werden wollen. Aber bei einem Blick auf die Preisliste sind Anspruch und Wirklichkeit nur schwer in Einklang zu bringen. Als wir am nächsten Tag unsere Sachen packen und uns auf den Weg zur Zugfahrt durch die Highlands machen, bin ich jedenfalls nicht traurig. Vielleicht lag es an uns, vielleicht am Wetter oder an falschen Erwartungen – die Begeisterung der Reiseführer für diesen Ort kann ich jedenfalls nicht nachvollziehen. Trotzdem bereue ich es nicht, da gewesen zu sein. Die Eindrücke waren sehr intensiv und so ganz anders, als in anderen Teilen des Landes. Zusammen ergeben sie das vielschichtige Bild, das mir von Sri Lanka bleibt.

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