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Mit dem Schlauchboot im Atlantik auf Delfinsuche

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“Dolphins, Dolphins!”, Ricardos Schrei dringt über das lärmende Röhren des Außenborders zu mir. Einen Augenblick später schaltet er den Motor fast vollständig ab und unsere Nussschale aus orangefarbenem Gummi tanzt auf der Dünung des Atlantik. Und dann sehe ich sie endlich auch. Zwanzig! Nein, dreißig! Nein, da sind ja noch mehr! Die Finnen durchpflügen die Wogen rund um unser Boot. Kurz darauf schießt ein heller Körper direkt unter dem Boot hindurch, kurz höre ich das Zischen aus dem Atemloch, der grau-weiße Körper hebt sich anmutig zum Sprung aus dem Wasser. Ich halte meine Kamera bereit, drücke auf den Auslöser und – fotografiere nur noch das gurgelnde Wasser.  Der Delfin ist längst schon wieder in der schwarz-blauen Tiefe verschwunden. Wieder etwas gelernt. Wer die eleganten Jäger in freier Wildbahn fotografieren möchte braucht schnelle Reaktionen und kurze Verschlusszeiten.

Aber ich habe Glück. Wir sind auf eine sehr große Schule gestoßen. Circa 50 ausgewachsene Delfine und Jungtiere schwimmen auf allen Seiten um uns herum. Ihre Körper schnellen durch das Wasser, alle paar Sekunden tauchen sie zum Luftholen auf – und ab und zu gelingt es mir, die richtig Stelle im Sucher zu fokussieren. In langsamem Tempo folgen wir den Tieren, die sich nicht sonderlich für uns interessieren. Sara, Meeresbiologin und Mitgründerin von marilimitado und heute unser Guide, erklärt uns das Verhalten der Delfine. Wir haben sie quasi beim Frühstück erwischt. Momentan sind sie damit beschäftigt, unter Wasser einen Fischschwarm zusammenzutreiben. Ihr Interesse an uns bleibt daher eher verhalten. Lachend erzählen Ricardo und Sara von anderen Erlebnissen. Sind sie gerade nicht anderweitig aktiv, scheinen die intelligenten Tiere den Spieß gerne umzudrehen. Neugierig betrachten sie dann die Teilnehmer der Dolphins-Watch-Tour: Humans-Watching für Delfine.

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Während ich auf dem schaukelnden Rand des Gummiboots balanciere, mich mit einer Hand krampfhaft festhalte und versuche, mit der anderen Hand halbwegs scharfe Bilder zu schießen, höre ich die Kids auf der anderen Seite vor Begeisterung juchzen. Ein kurzer Blick zeigt mir, dass sie ihre Plätze verlassen haben und an der Kante des Schlauchboots stehen. Vielleicht liegt es am faszinierenden Anblick der eleganten Tiere oder an meinen durchgeschaukelten Sinnen – aber es stört mich nicht weiter. Einige Minuten zuvor war das noch ganz anders. “It’s a good day today”, erklärte uns Ricardo bei der Ausfahrt aus dem Hafen. Ein sanfter Swell von nur gut drei Metern, dazu etwas heftigere Windstärken. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Zwar waren wir alle mit Schwimmwesten ausgestattet worden – aber die Fahrt raus auf den Atlantik glich eher einer Achterbahnfahrt. Mich selbst störte das weniger. Der vierjährige Schwimmanfänger wurde dagegen bei jedem Fall vom Wellenkamm auf seinem Platz hin und her geworfen, bereits nach kurzer Fahrt war die Küste nicht mehr sichtbar und um uns herum nur der wogende Ozean. Die Idee, meinen Schwimmanfänger da wieder rausfischen zu müssen, begeisterte mich nur mäßig. Die Kids sahen das ganz anders. “Schneller, höher”, riefen sie bei jeder Woge und lachten sich jedes Mal kaputt, wenn das Boot am Fuße des Wellenbergs aufs Wasser prallte.

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Nach 30 Minuten müssen wir die Tiere dann verlassen. Die Landschaft rund um Sagres und das Meer vor der Küste gehören zu einem portugiesischen Nationalpark. Die Zeit, die man bei den Delfinen verbringen darf, ist gesetzlich klar geregelt – und das ist auch gut so. Selbstverständlich halten sich Sara und Ricardo daran. Als Meeresbiologen sind sie in erster Linie zur Erforschung der Tiere nach Sagres gekommen. Die Küstengewässer des Atlantiks und die Lage direkt vor der Meerenge von Gibraltar, und damit dem Übergang zum Mittelmeer, eignen sich bestens für die Beobachtung der Meeressäuger. Delfine, Orcas und auch Wale werden hier regelmäßig, abhängig von der Jahreszeit und den Wassertemperaturen, gesehen. Ihre wissenschaftliche Arbeit finanzieren die beiden unter anderem durch die angebotenen Boots-Touren.

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Auf dem Rückweg bleibt Zeit für eine Fahrt entlang der faszinierenden Steilküste. Schäumend schlagen die Wellen an die Felsen. An vielen Stellen haben Wasser und Wind geheimnisvolle Grotten in das Gestein gegraben. Mit einer Mischung aus Spannung und Entsetzen beobachte ich die Angler, die an vielen Stellen am Rand der bis zu 50 Meter steil in das peitschende Meer abfallende Kliff-Kanten balancieren. Und meine Angst ist nicht unberechtigt. Sara erzählt uns, dass nicht selten einer von ihnen abstürzt. Der Fall in die schäumenden Fluten ist jedes Mal tödlich. Aber scheinbar wiegt die Spannung der Jagd nach den besten Fischen im sauerstoffreichen Wasser schwerer.

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Nach 1 1/2 Stunden sind wir zurück im Hafen – immer noch berauscht von den faszinierenden Eindrücken. Das Boot hat noch nicht angelegt, schon betteln die Kids nach einem neuen Delfin-Trip. Und auch Tage später sprechen sie noch ständig von diesem Erlebnis. Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum so nahe zu kommen, ist extrem beeindruckend. Ich war noch nie ein großer Freund von Zoos, Raubkatzen, die in gefliesten Käfigen manisch auf und ab wandern und Show-Aquarien. Sollten sie früher dem Menschen die Tiere näher bringen und damit auch ein Bewusstsein für den Schutz der Arten hervorrufen, sind sie in Zeiten von 3D-Film-Dokumentationen und allgegenwärtigen Tierfilmen im TV meiner Meinung nach vollständig überholt. Ich zumindest werde mir keinen “lustig tanzenden” Flipper im Delfinarium mehr ansehen.

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There are 5 comments

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  1. Christina

    Delfine konnte ich in Freiheit noch nicht erleben. Auf Teneriffa haben wir Wale beobachtet – das war echt aufregend. Ich kann deinen Bericht sehr gut nachvollziehen :)

    Liebe Grüße Christina

  2. Claudia Böttcher

    Elischeba, da bin ich völlig Deiner Meinung. Delphinarien & Co. gehen gar nicht… Ich bin sicher, Dein Leon wird das früher oder später erleben und seine riesen Freude daran haben.


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