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Ski Heil kurz vor der Nordsee

Es gibt Dinge, von denen man gar nicht weiß, dass man sie tun möchte – bis man sie ausprobiert. Und dann feststellt, dass es richtig Spaß macht. Skifahren in der Halle gehört für mich dazu.

Meine Eltern haben Schnee gehasst, genauso wie die Fahrt von Westberlin durch die damalige DDR. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Auch wenn ich mich, beim Mauerfall gerade 13 Jahre alt, nur noch an wenige Details erinnere. Aber ja, da waren endlos lange Warteschlangen auf der West-Berliner Avus am Grenzübergang in Dreilinden. Gewöhnungsbedürftige Autobahnraststätten mit Toilettentürgriffen aus grauem Kunststoff und pappharten Papierrollen. Die merkwürdig verwaisten Transitstrecken, die man nicht verlassen durfte und auf denen man mit der ständigen Sorge vor angeblichen, ziemlich devisenintensiven, Geschwindigkeitsübertretungen langsam vor sich hinzuckelte. Ertönte dann endlich der Bayern-3-Reiseruf im Radio, wähnte man sich endlich im Urlaub.

Eine meiner liebsten Anekdoten geht so: Grenzübergang, nur eine Spur geöffnet. Ein Mitglied der Volkspolizei entfernt die Absperrung der zweiten Spur und bedeutet nach vorne zu fahren. Dort steht der nächste Volkspolizist und fragt ungehalten nach, was das denn solle. „Der Beamte dort hinten hat gerade die Spur geöffnet.“ Vopo: „Wir sind hier im Arbeiter- und Bauernstaat, hier gibt es keine Beamten.“ – „Gut, dann hat eben der Bauer dahinten gerade die Spur geöffnet.“ Das war ein Spaß! Es dauerte in dem Fall ein paar zusätzliche Stunden, bis die Grenze erfolgreich passiert war.

Und nachdem sich meine Mutter einmal, hochschwanger, neben der Rückbank ihres kleinen, roten Fiat 500 wiederfand, die die Bewacher das antiimperialistischen Schutzwalls, vermutlich auf der Suche nach versteckten Imperialisten, ausgebaut und einfach neben den Wagen gestellt hatten, hatten meine Eltern von diesen Fahrten endgültig die Nase voll.

Kurz, das alles waren Gründe, warum meine Eltern lieber mit British Airways, Pan Am oder Air France (andere Möglichkeiten gab es damals in West-Berlin nicht) nach Frankfurt, und von da aus weiter in die Sonne flogen und aus mir nie ein richtiger Skifahrer wurde.

Apulien

Das änderte sich drastisch, als ich nach München zog. Skifahren ist zu einem meiner liebsten Hobbys geworden. Der Weg dorthin war nicht ganz einfach. Mit 35 Jahren noch mit dem Skifahren anzufangen, birgt unweigerlich den einen oder anderen lächerlichen Moment. Jahrelang hatte ich mich geweigert, es noch zu probieren. Ich bin nicht der sportlichste Mensch und fand es völlig sinnlos, zu versuchen, die Skifahrfähigkeiten meiner Münchner Freunde, die bereits auf Brettern standen, bevor sie überhaupt richtig laufen konnten, einzuholen. Meine Meinung änderte ich erst, als meine Tochter mit vier ins Skialter kam. Mein Mann überzeugte mich, dass ein Münchner Kindl Skifahren können muss. Und so fanden wir uns eines Nachmittags an einem kleinen Hang in der Nähe von München wieder. Während ich mit dem Kurzen rodelte und die Große ihre ersten Versuche auf den rutschigen Brettern machte, beobachtete ich eine Mutter, die am Ende des Skilifts auf einer Bierbank saß. Eingehüllt in Schneeanzug und Decken, las sie mit zitternden Händen ein Buch und versorgte den in regelmäßigen Abständen vorbeirutschenden Nachwuchs mit Tee aus der Thermoskanne und Schnittchen. Auf keinen Fall sagte ich mir. Das geht überhaupt nicht. Entweder ich lerne auch Skifahren, oder niemand in dieser Familie fährt Ski. Also meldete ich mich kurzerhand für einen Kurs an.

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Es gibt nicht allzu viele Menschen in München, die mit 35 Jahren noch das Skifahren lernen. Den ersten Tage dieses Kurses durfte ich daher auf dem fliegenden Teppich in der Kinderanlage, zwischen wandelnden Helmen auf 80-Zentimeter-Zwergen und den Jugendlichen einer Einrichtung für körperlich und geistig gehandicapte Menschen auf Tagesausflug, verbringen. Ich möchte nicht politisch unkorrekt werden, sicher kann sich jeder auch selbst vorstellen, wie man sich als Erwachsener in diesem Moment vorkommt.

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Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls genießt man als Münchner die Möglichkeit, jederzeit im Winter innerhalb vom 45 Minuten ein Skigebiet zu erreichen. Das ist natürlich Luxus. Für alle, die weiter nördlich leben, bleibt es meist beim Skiurlaub einmal im Jahr. Und genau dafür gibt es Skihallen.

Ein bisschen lustig fand ich die Idee schon. Gerade war in den Bergen Neuschnee gefallen. Meine Facebook-Timeline war voll von Fotos der ersten Gletscherrunden. Auch wir packten unser Skizeug – und machten uns auf den Weg Richtung Hamburg. Hamburg? Ja, denn mitten in der Bispinger Heide, auf dem platten Land kurz vor der Hansestadt, erhebt sich ein Gletscher. Mit einer 300 Meter langen Piste ist er das ganze Jahr für Skifahrer geöffnet.

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Unser Ziel war St. Peter-Ording und ich suchte eine Möglichkeit, die ziemlich lange Fahrt zu unterbrechen, bevor mir die Kids auf der Rückbank Amok laufen würden, als ich auf den Snow Dome in Bispingen stieß. Der perfekte Stopover auf dem Weg von Bayern Richtung Nordsee. Also kamen zu den Gummistiefeln kurzerhand die Skischuhe in der Kofferraum. Beim packen mussten wir grinsen. Ganz überheblich erwarteten wir von so einer Skihalle nicht viel.

Doch bereits am nächsten Tag waren alle Vorurteile getilgt. Die Überheblichkeit war fehl am Platz. Klar ist so eine Skihalle keine schwarze Piste, sehr viel Spaß macht sie dennoch. Schon bei der Ankunft am Vorabend waren wir wirklich begeistert. Wir sollten in einer der Hütten des zum Snow Dome gehörenden Resorts übernachten. Und die übertrafen komplett unsere Erwartungen. Die Blockhäuser mit so stilechten Namen wie Ötz oder Längenfeld gruppieren sich direkt neben der Skihalle um einen kleinen Platz. Und sie sind tierisch gemütlich und großzügig. Wohnzimmer mit Kamin, Schlafzimmer und Kinderzimmer, da blieben keine Wünsche offen.



Gegessen wird im Hauptgebäude im Restaurant Gletscherblick. Das Essen ist bodenständig und sehr gut. Am schönsten sind aber sicher die großen Panoramascheiben, durch die man das Treiben auf der Piste beobachten kann. Für Kinder gibt es jede Menge Beschäftigung und Spielecken, so dass die Eltern ganz in Ruhe noch eine Weile an der Bar sitzen können. Und wer mag, kann einen kurzen Ausflug in die Skihalle machen, und die wunderschönen Eisskulpturen eines lokalen Künstlers anschauen. Ich war vor allem verblüfft wie kalt es drinnen ist. Minus 4 Grad sind auch beim Skifahren in den Bergen keine Seltenheit. Aber klar, in der Halle gibt es keine Sonne die von oben wärmt.



Am nächsten Morgen ging es dann endlich auf die Piste. Ganz bequem mit dem Sessellift und nicht, wie vom maulenden Junior befürchtet, mit einem Schlepplift. Für die Kids war es das erste Mal seit dem vergangenen Winter, dass sie wieder auf Skiern standen. Und die Piste war genau das richtige zum Einfahren. Das Beste aber war der kleine Funpark, der am Rand der Piste aufgebaut ist. Seit unsere Kinder im letzten Skiurlaub den Spaß an Rails und Kickern entdeckt haben, wollen sie eh keine langen Pisten mehr. Viel wichtiger ist der Spaßfaktor – und den hatten sie hier. Noch dazu mussten sie den Funpark nur mit ein paar Snowboardkids teilen, viel leerer und besser als auf der normalen Piste.

Ganz bequem im Sessellift

Der Schnee in der Halle, klar, das ist kein Powder. Ein bisschen fühlt es sich wie älterer Schnee am Gletscher an. Aber er hat einen entscheidenen Vorteil, gerade für Anfänger. Die Konditionen sind hier immer gleich. Was haben sich unsere Kinder bei den ersten Versuchen auf Skiern schwer getan. An einem Tag war frischer pudriger Schnee gefallen, am nächsten verwandelte die Sonne das ganze in Haxn-Brecher-Matsch, und wieder am nächsten Tag pfeift einem der Schneesturm waagerecht ins Gesicht. Das kann für Anfänger mühselig sein. Von denen gab es im SnowDome so einige, die mit den Skilehrern ihre erste Versuche auf den zwei Brettern wagten. Und genau dafür ist die Anlage auch perfekt geeignet. Ich stelle es mir etwas schwierig vor, einem Kind (oder auch Erwachsenen) im einmaligen Skiurlaub pro Jahr das Skifahren beizubringen. Gerade wenn nach einer Woche der Groschen gefallen ist, steht auch schon die Heimreise an. Weiter geht es im nächsten Jahr. Genau für diese Situation ist die Skihalle perfekt. Im Herbst vor dem Skiurlaub einen Kurs machen und dann in den echten Bergen das Gelernte ausprobieren – so kann man auch auf dem platten Land die Kinder ganz schnell auf die Bretter bekommen.



Es lohnt sich. Ich habe es selbst ausprobiert. Wer weiß, wo eure Kids eines Tages hin ziehen. Vielleicht, so wie ich, ja doch Richtung Berge. Dann können sie schon Ski fahren und müssen nicht mit 35 Jahren, zwischen lauter vierjährigen Zwergen, am Kinderhügel starten. Und glaubt mir, darauf kann man gut verzichten. Ganz abgesehen davon, kann man auch als Erwachsener die Zeit nutzen und in der Halle seinen Spaß haben. Oder einfach rodeln. Oder Schneemänner bauen. Oder ganz gemütlich im Restaurant sitzen und dem Nachwuchs durch die Scheiben zusehen.

Ich danke dem Snow Dome Bispingen für die Einladung zu diesem besonderen Ski-Opening.



There are 3 comments

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  1. Nora

    Hey! Cooler Blog! komme aus Bayern, daher hab ich es normalerweise nicht all zu weit, um mal auf die Piste gehen zu können. Wenn ich die Fotos so sehe, bekomme ich auch schon mal wieder lust^^…wir waren letztes Jahr aber auch mal in einer Skihalle, als ich Freunde im Ruhrgebiet besucht habe. ch fand es auch wirklich ganz cool, aber leider hatte ein Freund von mir einen “Unfall” und sich dann den Arm gebrochen…es lag wahrscheinlich einfach an Ungeschicklichkeit, aber man sagt ja auch immer, dass der Kunstschnee ein bisschen gefährlicher ist, weil die Konsistenz irgendwie noch anders ist…Naja, wenn man mal eben Ski fahren will, würd ich das auch nochmal machen, aber ansonsten kann ich schon sagen, ist Ski fahren auf dem Berg nochmal 100% besser^^…für eine gutes Skigeniet würd ich dir einen Urlaub in Schenna empfehlen ;)Naja, ansonsten noch viel Spaß beim heizen…LG, Nora

    • Claudia Böttcher

      Hallo Nora,
      danke für das Lob! Wir wohnen ja auch in München. Daher fahren wir normalerweise auch in den Bergen. Schenna ist schön. Ich bin allgemein großer Südtirolfan. Liebe Grüße, Claudia


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