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Sustainable Tourism – 5 Tipps zum nachhaltigen Reisen

Kaum ein Urlaubsprospekt, eine Hotelbroschüre oder eine Tourismuswebseite, die nicht mit klingenden Schlagworten wie verantwortungsvolles Reisen, sanfter Tourismus, Naturschutz oder Sustainability wirbt. Doch wofür stehen diese Begriffe eigentlich?

Während manch ein Anbieter auf Natur- oder Umweltschutz setzt, stehen beim nächsten lokale Förderprogramme und Communityprojekte im Vordergrund. Wieder andere setzten auf internationale Zertifizierungen. Allein die Bandbreite der oft synonym verwendeten Begriffe zeigt, dass es derzeit keine einheitliche Definition für eines der am meisten genutzten Schlagworte der Tourismusindustrie gibt.

Besonders bei Reisen durch Entwicklungs- oder Schwellenländer können sich die meisten Urlauber der Frage nach der eigenen Verantwortung als Tourist nicht mehr verschließen. Zu intensiv sind die Eindrücke von Armut, Kinderarbeit und Umweltverschmutzung. Bettelnde Sechsjährige, die eigentlich in der Schule sitzen sollten, rücksichtslose Touristenmassen, die einen respektlosen Umgang gegenüber Kultur und Traditionen an den Tag legen, ein enormes Gefälle zwischen Arm und Reich, ein fragwürdiger Umgang mit Menschenrechten, Korruption und oft auch die immer noch andauernden Nachwirkungen von Bürgerkrieg und Schreckensherrschaft. Besonders Fernreisen in Entwicklungs- und Schwellenländer werfen unweigerlich Fragen auf. Sollte man hier als Tourist überhaupt hinreisen? Und wie verhält man sich vor Ort? Kann man zu einer nachhaltigen Entwicklung der Region beitragen? Welche Verantwortung trägt man als Besucher?

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Immer mehr Reisende möchten nicht mehr nur einfach als Touristenhorde, einem Heuschreckenschwarm gleich, der mitnimmt was ihm gefällt und da lässt was er nicht mehr braucht, über das Land herfallen – sondern wünschen sich ein authentisches und nachhaltiges Urlaubserlebnis. Wobei der Begriff Authentizität ein weiteres der neuen Schlagwörter ist, dessen Bedeutung man nur schwer eingrenzen kann. Wer einmal hinterfragt, was denn genau ein authentisches Reiseerlebnis wäre, wird sich mit der Definition schwer tun. Selbstverständlich ist der Aufenthalt auf einer Orang-Utan-Aufzuchtsstation im Regenwald von Borneo eine authentische Reiseerfahrung. Allerdings ist auch der All-Inclusive-Mallorca-Cluburlaub ein durchaus authentisches All-Inclusive-Mallorca-Club-Erlebnis. Das nur am Rande angemerkt.

Aber wie verhält man sich denn nun richtig? Besser daheim bleiben – oder doch in die Ferne schweifen? Die Frage treibt viele. Daher hier einige Anregungen zum verantwortungsvollen Reisen:

Zertifikate:

Immer mehr Sustainability-Badges und Zertifikate zieren die Seiten von Hotels und Reiseveranstaltern. Was steckt dahinter?

Zunächst einmal werden diese Label von Unternehmen ausgegeben, die zumeist eine kostenpflichtige Mitgliedschaft des Hotels oder des geprüften Unternehmens in ihrem Verbund voraussetzen. Ab diesem Punkt jedoch unterscheiden sich die Qualitätskriterien von Anbieter zu Anbieter gewaltig. Während der eine oder andere auf eine differenzierte Prüfung des beglaubigten Betriebs verzichtet und sich auf Angaben verlässt, die beim gebührenpflichtigen Anmeldeprozess gemacht wurden, dringen andere Zertifikatsanbieter weit in die Strukturen des zertifizierten Betriebs vor. Die angebotenen Tools und Prüfungsmechanismen haben Einfluss auf die Managementstrategie, das Controlling und die weitere Ausrichtung des Betriebs. Sie fungieren als Guidelines und bieten Standards für den internationalen Vergleich und tragen damit wesentlich zur Vergleichbarkeit und Weiterentwicklung weltweiter Richtlinien bei.

Wer sich an Zertifikaten orientieren möchte tut gut daran, ein wenig Zeit in die Recherche des jeweiligen Herausgebers zu investieren. Oft geben bereits die Internetauftritte einen vernünftigen ersten Einblick in die gesetzten Standards. Einer der renommiertesten Anbieter weltweit ist Green Globe, dessen Kriterien Fragen des nachhaltigen Managements, der sozialen und ökonomischen Verträglichkeit, kultureller Relevanz und ökologischer Achtsamkeit umfassen.

Fazit: Grundsätzlich sind Zertifizierungen eine hervorragende Idee zur Entwicklung internationaler Standards. Es lohnt sich aber immer, sich den Herausgeber der entsprechenden Zertifikate und seine Messpunkte einmal genauer anzusehen.

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Politik:

Die Achtung der Menschenrechte, freie Wahlen und die uneingeschränkte Meinungsäußerung – für die meisten Urlauber aus westlichen Industrienationen ist das eine Selbstverständlichkeit. Für viele (Fern-)Reiseziele gilt das exakte Gegenteil. Darf und soll man denn nun trotzdem in diese Länder reisen?

Diese Frage ist ein äußerst kontrovers diskutiertes Thema, zu dem es eine Fülle von Meinungen gibt. Grundsätzlich werden sich die meisten Reisenden darin einig sein, dass die Unterstützung eines repressiven Staats durch Einnahmen aus dem Tourismus sehr fragwürdig ist. Andererseits gibt es viele Länder, in denen die mitgebrachten Devisen direkt der lokalen Bevölkerung zugute kommen. Und manchmal sind Wirtschaftswachstum und die Verbesserung der Lebensumstände ein erster Schritt auf dem Weg zu einem freien Staat. Letztendlich muss jeder Reisende diese Entscheidung unter Betrachtung der genauen politischen Bedingungen des einzelnen Ziellandes und seiner persönlichen Einstellungen selbst treffen.

Fazit: Einen recht verlässlichen Indikator zur Einschätzung der Reisesituation geben häufig die Exilorganisationen des jeweiligen Staates. Hier arbeiten Menschen, die mit den landesspezifischen Bedingungen zutiefst vertraut sind. Eine Reiseempfehlung oder auch ein Reiseabraten können erste Hinweise für die persönliche Entscheidung sein.

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Armut, Kinderarbeit und NGOs:

Die enorme Schere zwischen westlichen Nationen und Entwicklungsländern trifft die meisten Reisenden wie ein Schlag. Was man zuvor nur im Fernsehen gesehen hat, ist plötzlich Realität. Viele möchten gerne helfen. Aber wie sollte man das am besten tun?

„Cheap, cheap“, „One Dollar, pleeaaase“, „Come see my shop“, „Best Tour, best food“ – den meisten Reisenden werden nach einigen Stunden in den typischen Touristenregionen Südamerikas, Asiens und Afrikas die Ohren klingen. Jeder würde einem gerne etwas verkaufen, alle hoffen auf harte Währung, viele sehen erbarmungswürdig aus. Bettelnde Kinder, hartnäckige Verkäufer, raffinierte Anbieter. Alle möchten gerne ein Geschäft mit den reichen Touristen machen. Und das ist, angesichts der Lebenswirklichkeit der Menschen, bei weitem auch nicht verwerflich. Trotzdem kann und sollte niemand jedes selbst geflochtene Armband, jeden angebotenen Kühlschrankmagneten, jede Tasche, Töpferarbeit oder Tour kaufen. Und dann sind da noch die Kinder, die mit großen, hoffnungsvollen Augen und schmalen, viel zu alten Gesichtern vor einem stehen. Statt in der Schule zu sitzen, werden sie organisiert auf die Strasse geschickt. Mit einer Geldspende erreicht man hier häufig das genaue Gegenteil der angestrebten Hilfe. Bleibt das Bettelgeschäft lukrativ, wird niemand darüber nachdenken, die Kinder eher in die Schule zu schicken, als auf die Strasse.

Wer wirklich Geld geben möchte, hält besser nach einer lokalen Hilfsorganisation Ausschau. In vielen Ländern tragen private NGOs einen Großteil der lokalen Entwicklung. Wie so häufig sind auch diese Organisationen von enormen Qualitätsunterschieden gekennzeichnet. Seit mehr und mehr Touristen den Wunsch nach direkter Hilfsleistung haben, entsteht hier an manchen Orten sogar ein ganz neuer Wirtschaftszweig, nicht immer zum Vorteil der wirklich Hilfsbedürftigen. Da kann es schon einmal vorkommen, dass Kinder zur Arbeit als vermeintliche Waisen in einem vermeintlichen Kinderheim eingesetzt werden, nur um bedauernden Touristen die Spendenbeiträge abzunehmen.

Trotzdem, wer genau hinsieht wird in der Lage sein, die ernsthaft arbeitenden Organisationen zu finden. Fast überall gibt es eine ganze Reihe lokaler Initiativen, die jede mögliche Unterstützung verdienen und die enorme Beträge und Ressourcen in Bereiche investieren, in denen der Staat versagt. Das sind die richtigen Anlaufstellen für Geld- und Sachspenden.

Fazit: Geld am besten gezielt an eine Organisation spenden, die für einen zielgerichteten Einsatz sorgt und eine gleichmäßige Verteilung der Mittel in der Gemeinschaft berücksichtigt. Wer Mitleid mit einem hungrigen Kind hat, macht dennoch nichts falsch wenn er am nächsten Streetfood-Stand etwas zu essen kauft. Letztendlich wird es so lange bettelnde Kinder geben, bis sich die ökonomischen Bedingungen vor Ort drastisch verbessert haben. Mit einer Portion Essen wird man daran nichts ändern – weder im positiven noch im negativen Sinne.

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Transport und Umweltschutz:

Keine Frage, die CO2-Bilanz von Reisen im Flugzeug ist ziemlich mau. Der Umgang mit der Natur am Zielort der Fernreise oft fragwürdig. Darf es einen denn nun trotzdem noch in ferne Länder ziehen?

Der Tourismus verursacht mehr als fünf Prozent der klimaschädlichen Treibhausgasemissionen weltweit und belastet die Umwelt am Urlaubsort oft erheblich. Vor allem die An- und Abreise zum Urlaubsort hinterlässt einen besonders großen CO2-Footprint. Auf kurzen Strecken lohnt es sich, hier über eine alternative Anreise mit der Bahn nachzudenken.

Gerade für Fernreisen steht jedoch kein anderes Transportmittel als das Flugzeug zur Verfügung. Deswegen zu Hause zu bleiben, wäre für die Entwicklung der meist wirtschaftlich unterentwickelten Zieldestinationen jedoch katastrophal. Für viele Regionen in ärmeren Ländern ist der Tourismus der Hauptmotor der Entwicklung. Bleibt dieser aus, fehlen die dringend benötigten Einnahmen. Verständnis für Umweltschutz entsteht oft erst, wenn die Grundbedürfnisse gedeckt sind. Wer sich Sorgen darüber machen muss, wo die nächste Mahlzeit herkommt, hat schlicht keine Energie dazu, sich Gedanken um die Bäume des Regenwalds zu machen. Auch Bildung ist eine wesentliche Voraussetzung für ein umweltfreundliches Verhalten. Nur wer die Zusammenhänge zwischen eigenen Handlungen und dem Einfluss auf das Weltklima versteht, kann sich entsprechend verhalten.

Wer trotz Flugreise einen Beitrag zum Umweltschutz leisten möchte, kann eine Kompensation durch eine Spende an ein klimaneutralisierendes Projekt erreichen. Organisationen wie myclimate und atmosfair bieten auf ihren Webseiten CO2-Rechner an. Hier kann man sich die exakten CO2-Emissionen der Flugreise berechnen lasssen und eine Ausgleichszahlung leisten. Die Erträge fließen dann in Klimaschutzprojekte, hauptsächlich in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Am Reiseziel angelangt kann jeder Urlauber durch sein eigenes Verhalten zum Umwelt- und Naturschutz beitragen. Bei 35 Grad die Klimaanlage voll aufdrehen und die Terrassentür aufreißen? Würde man ja zu Hause auch nicht machen. Und wenn es zu Hause ganz selbstverständlich ist, seinen Müll nicht an den Wegesrand zu schmeißen, sollte man selbstverständlich auch im Urlaubsort davon absehen. Selbst wenn dort bereits Müll liegt.

Bei der Auswahl von Unterkünften, Touren und Ausflügen ist ebenfalls jeder Reisende gehalten, seine eigenen Handlungen zu hinterfragen. Beispielsweise sind unter Artenschutz stehende Tiere häufig ein Touristenmagnet. Mit den oft völlig unverantwortlich durchgeführten Watching-Touren kann gutes Geld verdient werden. Hier regelt die Nachfrage das Angebot. Wenn die Urlauber unmissverständlich klar machen, dass für sie nur die Buchung umweltbewusster Touren infrage kommt sind die Anbieter zu einer Verbesserung ihres Umgangs mit der Natur gezwungen.

Fazit: Reisen in Entwicklungsländer tragen häufig wesentlich zur Verbesserung wirtschaftlichen Situation am Reiseziel bei. Wer seine An- und Abreise kompensieren möchte, kann das durch eine Spende an ein klimaneutralisierendes Projekt erreichen. Vor Ort trägt jeder Urlauber selbst die Verantwortung für ein umweltbewusstes Verhalten.

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Persönliche Verantwortung:

Trage ich für mein Reiseziel eine Mitverantwortung?

Auch ohne Badges, Zertifikate und Siegel kann und sollte sich jeder Reisende selbst fragen, was er zu einem verträglichen Tourismus an seiner jeweiligen Urlaubsdestination beitragen kann. Dass man seinen eigenen Müll nicht irgendwo in die Landschaft wirft, scheint klar, auch wenn die Spuren in hochfrenquentierten Touristengebieten häufig eine andere Sprache sprechen. Weniger klar, scheint dagegen schon manchem der rücksichtsvolle Umgang mit der Kultur und den Bräuchen des Gastlandes zu sein. Tanktop und Hotpants in der Basilica, nackter Oberkörper im Innenstadtrestaurant, rüder Tonfall und überhebliche Allüren gegenüber einheimischen Dienstleistern, bloß weil nicht alles exakt so wie zu Hause läuft oder schnell mal ein paar spannende Nacktfotos in der immer noch heiligen Tempelruine geschossen – all das ist offensichtlich für manche Touristen völlig akzeptabel und normal.

Fazit: Wer sich so verhält, kann sich getrost sein Geld sparen und auf die häufig teurere Buchung eines nachhaltig arbeitenden Betriebs verzichten. In diesen Fällen empfehle ich übrigens den Urlaub in einem völlig authentischen, heimischen Vergnügungspark.

 

Das Thema Nachhaltigkeit und Tourismus interessiert uns sehr. Inzwischen haben wir, insbesondere in Südostasien, diverse Projekte besucht, die sich einem sanften Tourismus verschrieben haben. Mehr Artikel zu  Sustainable Tourism und nachhaltigem Reisen und zu unseren Erfahrungen findet ihr  -> hier.



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  1. Kambodscha und Vietnam mit Kindern | Fernweh mit Kids

    […] Wir sind dann mal weg… Morgen starten wir auf unsere Tour durch Kambodscha und Vietnam. Wir werden endlich die Tempel von Angkor sehen, in Phnom Penh mit einem Local die Stadt erkunden und dann auf dem Landweg weiter nach Vietnam reisen. Dort geht es von Saigon ganz in den Norden des Landes, von wo aus wir uns langsam wieder Richtung Süden bewegen werden. Doch wir werden diesmal nicht nur einfach reisen. Der ganze Trip steht unter einer Frage: Nachhaltiger Tourismus – ist das möglich? […]

  2. Katharina

    Liebes Fernweh mit Kids,
    vielen Dank für diesen Artikel! Mich treibt das Thema schon länger um. Schön, endlich ein paar fundierte Meinungen dazu zu lesen. Ich bin sehr gespannt auf eure Reise und werde auf jeden Fall neugierig mitlesen.
    Liebe Grüße und guten Flug!
    Katharina


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