tsunamiwarnung

Tsunamiwarnung

Gerade haben wir Hikkaduwa verlassen – einen der Orte den der Tsunami von 2004 besonders hart getroffen hat. Während an den übrigen Küstenabschnitten Sri Lankas die Spuren der Katastrophe weitgehend zugewachsen oder überbaut sind, findet sich hier auf einem breiten Küstenstreifen immer noch eine öde Schneise. Die grauen Reste von kleinen Häusern, die wie ausgehöhlte Zahnstummel im Niemandsland in den Himmel ragen, vermitteln einen Eindruck vom Ausmaß der Verwüstung.

Anders als in den anderen Küstenorten möchte hier niemand mehr leben. Die Verluste und Erinnerungen wiegen zu schwer.

Wer sich an die Berichterstattung nach dem großen Seebeben Weihnachten 2004 erinnert, hat sicher noch die Bilder des Zuges vor Augen der hier von den Wassermassen aus den Schienen gehoben wurde und dessen Waggons wie Teile einer Spielzeugeisenbahn herumgeschleudert und zerquetscht wurden. Die Opferzahlen in dem kleinen Ort waren immens. Praktisch auf gleicher Höhe wie der Meeresspiegel gelegen und ohne jede Erhöhung wie Bauwerke oder Hügel, war der stehen gebliebene Zug einziger Zufluchtsort vieler Menschen aus dem Dorf. Sie hatten die erste und die zweite Welle überstanden und sich dann auf das Zugdach geflüchtet. Doch die dritte Welle war wesentlich höher. Sie hob die Wagen aus dem Gleisbett, und die umherwirbelnden Stahlungetüme wurden zur Todesfalle.

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Bis dahin hatten wir einen traumhaften Tag. Wir waren per Boot in den Mangrovengebieten unterwegs, hatten entspannt am Strand zu Mittag gegessen, hatten die fröhliche Betriebsamkeit gesehen mit der die Bevölkerung ihre letzten Besorgungen zum morgigen, tamilischen Neujahrsfest macht, hatten zur Freude der Kids eine Schildkröten-Aufzuchtsstation besucht und waren jetzt auf dem Weg zu einer Mondsteinmiene – als mein Handy plötzlich einen leisen Ping-Ton von sich gibt. Ein Blick auf das Display und ich sehe die Mitteilung einer Nachrichten-App: Seebeben vor Sumatra…Tsunamiwarnung der höchsten Stufe für den gesamten Raum. Fast zeitgleich fängt unser Fahrer an, hektisch am Handy zu telefonieren. Ich verstehe kein Wort aber “Tsunami” meine ich heraus zu hören. Wir fragen nach und tatsächlich…es gibt eine Tsunami-Warnung. Die Situation scheint absurd. Gerade nach der Passage durch den schwer getroffenen Ort habe ich mich noch gefragt ob so etwas während unseres Aufenthalts passieren könnte und es für extrem unwahrscheinlich befunden. Natürlich hatten wir uns vor der Reise mit der Möglichkeit auseinandergesetzt – die Wahrscheinlichkeit aber für sehr gering befunden. Schließlich halten wir uns nur wenige Tage am Meer auf. Trotzdem war das Thema schon bei der Hotelwahl relevant. Wir hatten uns für ein Haus entschieden das erhöht auf einer Klippe steht und die letzte Katastrophe unbeschadet überstanden hat. Dieses jedoch ist jetzt sehr weit entfernt. Wir beraten uns kurz mit unserem Guide und bitten darum, dass wir ins Hinterland fahren. Im Kopf gehe ich die möglichen Szenarien durch. In den Hügeln etwas abseits der Küste werden wir sicher sein. Ärgerlich nur, dass Pässe und alle Papiere noch im Hotel sind. Unser Guide und der Fahrer geben sich zunächst entspannt und fahren uns wie geplant zu der Mondsteinmiene.

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Leider liegt diese nur wenige Meter von der Küste entfernt und zudem scheint die Fahrt dorthin überwiegend bergab zu gehen. Die mittelalterlichen Arbeitsbedingungen die wir vor Ort vorfinden, die lehmverschmierten Arbeiter die in die Gruben klettern und der Mienenleiter, der mit gelb unterlaufenen Augen andauern keuchend hustet, sich die Stirn mit dem Taschentuch abtupft und versucht, uns alles zu verkaufen was nicht niet- und nagelfest ist, wären eine eigene Geschichte Wert.

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Wir haben dafür aber keinen Sinn mehr. Guide und Fahrer telefonieren hektisch und ihre Mienen verfinstern sich zusehends. Noch einmal bitten wir nachdrücklich darum, in höhere Lagen gebracht zu werden. Die Fahrt geht weiter durch kleine Dörfer und dicht bewaldete Hügel. Wir haben tatsächlich das Gefühl, von der Küste wegzufahren. Leider funktioniert hier oben das Handy nicht mehr, so dass wir keine wirkliche Vorstellung davon haben wo wir uns befinden.

Wir kommen an einer völlig überfüllten Tankstelle vorbei auf der die Mopeds und Tuk-Tuks in 3er Reihen anstehen. Es werden Hamstereinkäufe gemacht. Die Straßen sind voll von Menschen die in kleinen Gruppen zusammen stehen und wild diskutieren. An einer kleinen Brücke geht dann gar nichts mehr. Sie ist völlig verstopft. Auf der einspurigen Bahn drängen sich Busse, Autos, Zwei- und Dreiräder. Ein Bus ist hängengeblieben und die Überfahrt muss langsam geräumt werden. Den entgegenkommenden Fahrern steht die Panik ins Gesicht geschrieben. Ganze Familien und ihre Reisetaschen mit Hab und Gut, Hühnerkäfige und andere Haustiere, drängen sich auf den kleinen Mopeds. Mit schreckensgeweiteten Augen strömen die Menschen uns entgegen, eine junge Frau übergibt sich aus dem Busfenster. Es wird deutlich, dass die Menschen hier immer noch schwer traumatisiert sind.

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Was uns misstrauisch macht ist die Tatsache, dass die Mehrheit dieses Stroms uns entgegen kommt. Auf Nachfrage erklärt Sam, unser Guide, er versuche, über das Hinterland so nahe wie möglich an das Hotel heran zu kommen. Dort steht nämlich sein Taxi-Tuk-Tuk das er in Sicherheit bringen möchte – seine wichtigste Einkommensquelle. Er verspricht aber, uns an einem sicheren Ort abzusetzen und später wiederzukommen.

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Kurz darauf endet die Fahrt vor einem Torbogen und wir sehen uns schon beim Aussteigen von einer Schar Kinder umringt. Ich frage Sam wo wir hier seien und er erklärt uns, dass es sich um ein Waisenhaus handelt. Seine Frau sei hier aufgewachsen und wir seien herzlich Willkommen. Beim betreten entdecke ich ein bekanntes Logo. Wir sind in einem SOS-Kinderdorf gelandet. Die nächsten Stunden werden spannend. Wir werden mit riesiger Gastfreundschaft und viel Neugier empfangen. Egal wo wir hingehen folgt uns eine große Traube Kinder, die wie Kaugummi an uns klebt. Unserem jüngeren ist die Aufmerksamkeit fast zuviel. Er ist es nicht gewohnt, derart im Mittelpunkt zu stehen. Wir werden in das Haus der Gastmutter geführt und mit Kuchen, Säften und Süßigkeiten bewirtet. Die Vorsichtsmaßnahmen der letzten Wochen bezüglich Essens und Trinkwassers haben sich erledigt – wir können die Einladung nicht ausschlagen.

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Einige Stunden später taucht Sam wieder auf – mit seinem Tuk-Tuk. Wir überlegen eine Weile was zu tun ist. Die erste Welle hat Sri Lanka inzwischen erreicht und war sehr flach. Die zweite Welle, die das Nachbeben verursacht haben könnte, steht noch aus. Wir entscheiden uns dennoch für die Rückkehr ins Hotel. Die Zustände im Kinderdorf sind für srilankische Kinder sicher überdurchschnittlich. Für uns stellen sie dennoch ein offensichtlicheres Risiko als die vermeintliche zweite Welle dar. Es ist inzwischen früher Abend. Eine Übernachtung mit unseren Kindern hier mag ich mir nur ungern vorstellen. Das Hotel hat beim letzten Mal gehalten und es wird auch diesmal bestehen – so ungefähr sehen unsere Gedanken aus als wir uns im Tuk-Tuk auf den Rückweg Richtung Hotel machen.

Einige Stunden später, auch die zweite Welle ist spurlos über die Ufer Sri Lankas geschwappt, sind wir wieder im Hotel und froh das alles vorbei ist. Die Nacht wird dennoch unruhig – die Sorge um Nachbeben ist bei Hotelpersonal und Einheimischen nicht gänzlich verschwunden. Aus Deutschland erreicht uns eine Flut von Emails, SMS, Updates und Nachfragen. Echte Entspannung will sich erst am nächsten Morgen einstellen. Die heimischen Medien berichten von funktionierenden Warmsystemen und einer geordneten Evakuierung. Ja, das persönliche Warnsystem der Bevölkerung über Mobiltelefone und Mund-zu-Mund-Propaganda hat funktioniert. Öffentliche Warnsysteme, eventuell sogar Sirenen oder Lautsprecherdurchsagen, konnten wir allerdings nicht hören oder entdecken. Auch von geordnet umgesetzten Evakuierungsplänen, von denen am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen ist, sahen wir nichts. Man kann für die Menschen in Sri Lanka nur hoffen, daß sie nie wieder darauf angewiesen sind.



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