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Der CO2 Snowprint – klimafreundliches Skifahren?

Perfekt präparierte Pisten sucht jeder Wintersportler. Doch gibt es die eigentlich? Und was ist mit dem ökologischen Fußabdruck. Hinterlässt man auf den schönsten Pisten den größten CO2 Footprint?

„XYZ Kilometer bestens präparierte Pisten.“ Diese Aussage ist essenzieller Marketingsatz fast jedes Skigebietbetreibers. Trotzdem gibt es enorme Unterschiede. Gerade im schneearmen Winter 2014/15 sieht man vielerorts das matschige Braun durch die dünne Schneedecke schimmern. Mal taut es, mal fällt ein wenig Neuschnee auf die angefrorene Oberfläche. Der Spaß am frischen Powder währt am nächsten Morgen oft nur kurz. Dann haben die Skifahrer den frischen Schnee zu Haufen zusammengeschoben, darunter glänzt der vereiste Abhang und die geplante Carvingtour gerät zu Buckelpistenabfahrt. Andernorts wird die empfindliche Grasnarbe von den scharfen Kanten unzähliger Ski gequält.

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Eines der wenigen Skigebiete, in denen das nicht so ist, ist die Seiser Alm in Südtirol. Sogar im Hochbetrieb in der Silvesterwoche, bei teilweisen Temperaturen im Plusbereich und vollen Pisten, findet man hier, bis auf ein paar Engpässe, tatsächlich bestens präparierten weiße Pisten vor, sogar noch am späten Nachmittag.

Ein Abend auf der Pistenraupe

Wie ist das möglich? Zum einen durch die intensive, nächtliche Arbeit der Pistenpräparierung. Wir fuhren einen Abend mit einer der Pistenraupen mit. Für die Kids ein großes Abenteuer. Für mich vor allem sehr informativ.

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Wenn um 17 Uhr die letzten Skifahrer in der beginnenden Dunkelheit Richtung Gondel streben, laufen in den Garagen die Motoren der Schneekatzen an. Kurz darauf rückt das Team aus. 12 Geräte sind in der Regel im Einsatz. Unser Fahrer wartet bereits auf uns. Mit ehrfürchtigem Blick klettert der 5jährige über die kindshohen Ketten ins Fahrerhaus. Dann geht es los. Der Flutlichtscheinwerfer der Schneekatze taucht die Abfahrt, auf der wir noch vor wenigen Stunden Richtung Tal geschwungen sind, in gleißendes Licht.

Mit einem kompliziert aussehenden System aus Lenkung und Joystick wird der Schnee durchgefräst, vom Tal wieder den Hang hinauf geschoben und die Piste fest und glatt präpariert. Durch das Frontschild werden mögliche Unebenheiten ausgeglichen, während die Heckfräse das Pistenbild verfeinert. Mindestens bis 24 Uhr ist das Team der Pistenpräparierung im Einsatz. Wenn es schneit oder schwierige Bedingungen herrschen, kann der Einsatz auch schon mal bis in die frühen Morgenstunden dauern, erklärt uns unser Pistenraupenfahrer. Wenn nötig, arbeitet man auf der Seiser Alm bis sechs Uhr morgens daran, einen perfekten Untergrund herzustellen.



Doch die tägliche Präparierung ist nur der halbe Schritt auf dem Weg zum Ziel perfekter Pisten. Basis für die nächtliche Arbeit ist der technische Schnee, der auf der Seiser Alm, wenn es die Witterung zulässt, bereits ab Oktober zum Einsatz kommt. Entgegen landläufiger Meinung enthält der Kunstschnee keine chemischen Zusatzstoffe, sondern besteht einzig und allein aus Wasser und Luft. Auch hilft Kunstschnee, die Grasnarbe darunter zu schützen. So ziehen die Skifahrer ihre Kanten eben nicht direkt durch den Almboden, der Untergrund bleibt unter einer schützenden Schneeschicht verdeckt. Und das ist auf der Seiser Alm wichtig, denn die Wiesen der größten Hochalm Europas werden im Sommer nach wie vor traditionell von den Bauern der Region bewirtschaftet und genutzt.

Skifahren, ist das nicht eigentlich der Wahnsinn?

Natürlich muss sich jeder ökologisch denkende Mensch fragen, ob es nicht Wahnsinn ist, Wasser die Berge hochzupumpen, um es dann dort wieder zu verteilen. Eine recht pragmatische Herangehensweise an diese Frage hat Werner Bätzing, emeritierter Professor für Kulturgeographie an der Universität Erlangen und einer der bedeutendsten Alpenforscher. Er argumentiert, dass der Eingriff in die Natur der Berge durch den Menschen ein bereits 7.000 Jahre alter Prozess sei. Seit dieser Zeit wird in den Alpen gesiedelt, werden Wälder gerodet und Ackerbau betrieben. Auch die Almwiesen, die wir im Sommer so genießen, seien erst durch diesen Eingriff entstanden.

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Der Bergtourismus ist nun einmal da, wichtig ist die Frage, wie man mit ihm umgeht. In einem Artikel auf ZEIT ONLINE wird Bätzing mit der Aussage zitiert, dass Skipisten, würden sie gepflegt, etwa indem man sie mähe oder indem Kühe sie beweideten, eine intakte Vegetationsdecke ausbilden können. “Sogar der viel geschmähte Kunstschnee kann eine positive Wirkung haben, indem er den Boden düngt“, so Bätzing im ZEIT Artikel.

Sanfter Tourismus als Lösung

Sehr kritisiert der Forscher an vielen Stellen dagegen die Entwicklung in den Alpendörfern. Obwohl die Zahlen der Skitouristen seit Jahren stagnieren, würden immer mehr Skigebiete zu riesigen Verbänden zusammengeschlossen. Die dörflichen und traditionellen Strukturen in den Alpen werden zunehmend von neuen Großprojekten vereinnahmt, kleine Dörfer wachsen zu Mega-Wintersportorten zusammen, mit allen negativen Auswirkungen, die dieses Wachstum auf die umliegende Natur hat.

Bätzing spricht sich daher gegen den weiteren Ausbau der Skigebiete in den Alpen aus und für die Entwicklung eines sanften Tourismus. Es geht um Konzepte, die einen naturnahen Tourismus, inklusive Brauchtum und Kulinarik umfassen.

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Wo in den deutschen und österreichischen Alpendörfern auf diesem Weg oft noch viel Nachholbedarf herrscht, ist man in Südtirol schon deutlich weiter. Die von Bätzing geforderten Konzepte gehören hier ins Selbstverständnis des Landes. Die Südtiroler wissen, dass die Bewahrung ihrer Traditionen und ein behutsamer Umgang mit der Natur das höchste Kapital der Region sind.

An- und Abreise mit dem Auto sind das größte Problem

Die größte Umweltverschmutzung entsteht beim Skifahren gemäß der Initiative RIDE GREENER im übrigen durch die An- und Abreise ins Skigebiet. RIDE GREENER ist eine Vereinigung von passionierten Snowboardern und Skifahrern, die sich gemeinsam für klimafreundliches Snowboarding und Skifahren, sowie ein umweltbewusstes Verhalten in den Bergen einsetzen. Auf ihrer Webseite haben sie die 10 wichtigsten Tipps für einen umweltfreundlicheren Wintersport zusammen gefasst. Wichtigste Forderung: Lasst das Auto stehen. 70 bis 80 Prozent seines CO2-Ausstosses verursacht der Wintersportler durch die Anreise mit dem Auto. Nutz man Zug, Bus oder Alpentaxi, produziert man beispielsweise auf der Fahrt von Zürich nach Davos 25 Mal weniger CO2 als mit dem eigenen Fahrzeug.

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Hier haben die Sütiroler Skigebiete bereits reagiert. So ermöglicht zum Beispiel der Ski Pustertal Express die problemlose Anreise per Bahn in alle dem Tal angegliederten Skigebiete. Mit der Brennerlinie ist der Express über die gemeinsame Station Franzensfeste von Deutschland aus komfortabel erreichbar.

Zugegeben, als Wintersportler ist hier ein deutliches Umdenken nötig. Wenn man sich den Kofferraum unseres Autos bei der Abfahrt zu einer Woche Skiurlaub mit zwei Erwachsenen, zwei Kindern und einem Hund ansieht, denkt man eher an den Auszug aus Ägypten als an eine einwöchige Reise, so vollgeladen ist das Fahrzeug. Unmöglich, das alles mit der Bahn zu transportieren. Aber vielleicht kann das ja auch ein willkommener Anlass sein, einmal zu überdenken, ob tatsächlich alles was hier in den Kofferraum wandert wirklich benötig wird.

Die Seiser Alm, als Teil des UNESCO Weltnaturerbes Dolomiten, geht sogar noch einen Schritt weiter. Ein dichtes Netz aus öffentlichen Verkehrsmitteln erlaubt es dem Gast, während seines Aufenthalts in der Ferienregion auch Urlaub vom Auto zu machen. Shuttlebusse sorgen für die problemlose Verbindung zwischen den Dörfern Tiers, Völs, Seis und Kastelruth und den umliegenden Fraktionen. Die Zufahrt zur Seiser Alm selbst ist für den Individualverkehr tagsüber gesperrt. Eine Umlaufbahn oder Busse bringen Gäste und Einheimische hinauf ins Skigebiet.

Ein Besuch im Sommer

Auch dadurch wird hier erreicht, dass man im Sommer auf der Seiser Alm tatsächlich noch eine intakte Natur vorfindet, die sich bei Wanderern und Bergfans auf Grund ihrer Schönheit besonderer Beliebtheit erfreut. Werner Bätzing rät jedem Interessierten, sich seine Wintersportorte einmal im Sommer anzusehen. “Auch ein Laie kann gut erkennen, ob die Wiesen gepflegt sind, ob da etwa überhaupt kein Gras mehr wächst und nur noch Schotter herumliegt, ob sich tiefe Gräben gebildet haben oder der Hang erodiert. Wenn das alles nicht der Fall ist, kann man dort mit einigermaßen gutem Gewissen Ski fahren“ erklärt er im Gespräch mit ZEIT ONLINE.

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Wer die Seiser Alm schon einmal im Sommer gesehen hat, entlang der Almwiesen gewandert, in einer der traditionell bewirtschafteten Almhütten und Schwaigen einkehrt ist und das Blütenmeer aus über 800 Pflanzenarten bewundert hat, kann sich selbst überzeugen, dass die Natur hier noch unversehrt ist.

Der CO2 Snowprint

Klimafreundliches Skifahren ist also möglich? Selbstverständlich wäre die Belastung der Umwelt ohne Wintersport deutlich geringer. Der Wintersporttourismus existiert aber und er ist fester, auch wirtschaftlich äußerst relevanter, Bestandteil des Alpenraums. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Jeder Skifahrer kann seinen Beitrag dazu leisten, seinen eigenen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Das beginnt bereits vor der Anreise zur Piste – mit der Auswahl des richtigen Skigebiets.

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  1. Claudia Böttcher

    Danke Jenny! Es freut mich, dass Du den Artikel ausgewogen findest. Das Thema ist nicht einfach da es DIE richtige Antwort so nicht gibt.
    LG, Claudia


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